Hier regieren, dort wohnen

Imelda Stadler ist Gemeindepräsidentin von Lütisburg, wohnt aber in der Nachbargemeinde Ganterschwil. Damit ist sie – so lange diese Wohnsituation befristet ist – keine Ausnahme, sagt der Kanton. Und wie denken die Stimmbürger darüber?

Mario Fuchs
Drucken
Teilen
Blick von Ganterschwil nach Lütisburg: Die meisten Lütisburger stören sich nicht daran, dass ihre Präsidentin ennet dem Necker wohnt. (Bild: mf.)

Blick von Ganterschwil nach Lütisburg: Die meisten Lütisburger stören sich nicht daran, dass ihre Präsidentin ennet dem Necker wohnt. (Bild: mf.)

Lütisburg. Ein Gemeindepräsident oder eine Gemeindepräsidentin hat in «seiner» respektive «ihrer» Gemeinde zu wohnen – so schreibt es Artikel 84 des Gemeindegesetzes vor. Bei den meisten Kandidaten und Kandidatinnen für das höchste kommunale Amt ist die Frage nach dem Wohnort gar keine, weil diese ohnehin zum Zeitpunkt der Bewerbung schon dort sesshaft sind.

Ein Jahr Zeit für Umzug

Immer öfter kandidieren allerdings auch «Auswärtige» für ein Gemeindepräsidium. Sie erhalten bei erfolgreichem Wahlausgang für den Umzug ein Jahr Zeit, wie Bruno Schaible, stellvertretender Leiter des Amtes für Gemeinden des Kantons St. Gallen, auf Anfrage der Wiler Zeitung erklärt. Eine derartige Ausnahmebewilligung gäbe es «ab und zu», da sei Imelda Stadler in Lütisburg kein Einzelfall. Jene würden erteilt, damit die frisch gewählten Gemeindeoberhäupter Zeit erhalten, «die Zelte am alten Ort abzubrechen und am neuen Ort eine Bleibe zu finden», so Schaible. Und nur, wenn die Erfüllung der Amtsgeschäfte trotzdem gewährleistet ist.

«Zukunft Lütisburg» abwarten

Imelda Stadler ist am 1. April genau ein Jahr im Amt. Den Wohnsitz nach Lütisburg verlegt hat sie allerdings nicht – noch nicht, wie sie an der Bürgerversammlung von vergangener Woche erneut betonte: «Das habe ich versprochen und möchte ich auch umsetzen.» Der Gemeinderat habe ihrem Gesuch um eine Fristverlängerung bereits zugestimmt. Begründet hat er dies vor allem damit, dass die Zukunft der Gemeinde noch «unklar» sei – man wolle den Ausgang des Projekts «Zukunft Lütisburg», das an einer Klausurtagung im April neu aufgerollt wird, abwarten. «Danach sollte mehr Klarheit herrschen. Es wird sich zeigen, ob alles so bleiben wird – denn Eigenständigkeit ist sehr wohl auch möglich – ob eine Fusion angestrebt oder allenfalls eine Einheitsgemeinde favorisiert wird», erläutert Imelda Stadler die aktuelle Situation.

Noch diese Woche läuft die einjährige Ausnahmebewilligung des Amtes für Gemeinden aus. «Ein neues Gesuch ist derzeit bei uns in Bearbeitung, aber noch nicht entschieden», weiss Bruno Schaible.

«Ist das heute noch ein Thema?»

Nicht alle Lütisburgerinnen und Lütisburger scheinen dieses Abwarten zu goutieren, wie eine Leserbriefschreiberin in dieser Zeitung (Ausgabe vom 26. März) kundtat. Die Wiler Zeitung wollte es genauer wissen, und hörte sich auf den Strassen Lütisburgs um.

«Dass unsere Gemeindepräsidentin in Ganterschwil wohnt, stört mich überhaupt nicht. Das muss ja jeder selbst wissen», meint eine Dame im Dorfladen. Die Steuern zahle sie ja trotzdem hier. Eine junge Mutter gibt sich schon ob der Frage erstaunt: «Ist das heute wirklich noch ein Thema?», wundert sie sich. Die Kollegin ergänzt: «Dass es wirklich noch Leute gibt, die sich darüber aufregen …»

Den Gemeinderat behindern

Ein paar Schritte weiter unterbricht ein Pensionär kurz seine Gartenarbeit. Ja, er habe den Leserbrief in der Zeitung gesehen, kenne auch die Verfasserin. «Doch persönlich störe ich mich überhaupt nicht daran», winkt er lächelnd ab und wendet sich wieder den Pflanzen zu.

Für einen Handwerker ist die Sache klar: «Da versucht jemand, dem Gemeinderat Steine in den Weg zu legen.» Es gäbe Leute, die der «Ära Eisenring» nachtrauerten, die etwas suchten, um «den Neuen» die Arbeit zu erschweren. «Es spielt doch keine Rolle, ob die Gemeindepräsidentin auf dieser oder auf jener Seite des Neckers wohnt», meint er. Noch vor einigen Jahren habe man selbige Frage bei den Lehrerinnen und Lehrern gestellt – «und heute kümmert's auch niemanden mehr.»

Aktuelle Nachrichten