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Herr des Schulhauses

Er kennt sie alle: Schüler, Lehrer und Schulräume. Seit 35 Jahren schaltet und waltet Niklaus Küng als Abwart in der Primarschule Jonschwil. Er erzählt über Lausbuben, Anstandsregeln und Abgrenzung.
Angelina Donati
Schulhausabwart Niklaus Küng vor «seinem» Schulhaus in Jonschwil. (Bild: Angelina Donati)

Schulhausabwart Niklaus Küng vor «seinem» Schulhaus in Jonschwil. (Bild: Angelina Donati)

«Herr Küng? Ach, der ist überall», sagt ein Schüler und macht eine ausschweifende Handbewegung. Und tatsächlich: Mit drei Gebäuden und einer riesigen Aussenanlage ist der Schulhausabwart ein gefragter Mann. An diesem Morgen bewässert er gerade die Pflanzen beim Vorplatz. Seine allererste Tat beginnt jeweils um 6 Uhr mit einem Rundgang durch «sein» Schulhaus und einem Augenschein in allen 28 Zimmern. Während der Schulhausabwart üblicherweise die Fenster öffnet und so frische Luft in die Räume bringt, musste er vergangene Woche heizen. «Das gibt es selten zu dieser Jahreszeit», sagt der 64-Jährige.

Er kennt sozusagen jeden Fleck in und rund um das Schulhaus. Bestand das Lehrerteam zu Beginn seiner Tätigkeit aus lediglich sieben Personen, sind es heute über 40. Jahrzehnte lang war Niklaus Küng der Erste, der die Türen des Schulhauses morgens öffnete und gleichzeitig der Letzte, der sie abends wieder schloss. Bis er vor zwei Jahren dank einer elektronischen Schliessanlage eine grosse Erleichterung erfuhr. «Da die Turnhalle auch von Vereinen genutzt wird, kam es regelmässig vor, dass ich zu Unzeiten einen Rundgang machen und abschliessen musste», erklärt er. «Heute lässt sich mit Zeiteinheiten alles wunderbar steuern.»

Mit Wegzug plötzlich mehr Zeit für sich selber

So sehr ihm das selbstständige Arbeiten und die vielseitigen Aufgaben zusagen, konnte Niklaus Küng sich kaum abgrenzen. «Das hat mit dem Wohnort zu tun», sagt er und zeigt auf das an die Turnhalle angebaute Gebäude. Über 30 Jahre lang lebte er hier mit seiner Familie, ehe die Abwartswohnung dem Kindergarten weichen musste. «Ich wohne jetzt im Dorf», erzählt Niklaus Küng und fügt lachend hinzu: «Jeder Tag fühlt sich nun wie Weihnachten an.» Mit dem Umzug gelang ihm schliesslich auch die Befreiung aus dem 24-Stunden-Einsatz. Gestört habe ihn seine ständige Präsenzzeit zwar nie. «Als ich definitiv Feierabend und somit plötzlich Zeit für mich hatte, lernte ich das aber sehr zu schätzen.» Geblieben hingegen ist der Pikettdienst an den Wochenenden.

Dieser Job sei nur mit vollem Einsatz möglich. «Der Lohn ist, dass man selber schalten und walten kann.» Entsprechend hoch sei auch die Sorgfaltspflicht. Er habe gewusst, worauf er sich einlässt, als er die Stelle 1983 antrat. Auf die Idee brachte ihn sein Bruder, der in ihm als gelerntem Papiertechnologen ein Allrounder-Talent sah.

«Schon als Kind war ich interessiert, wie die Dinge funktionieren, habe getüftelt, repariert und mir alles Mögliche selber beigebracht.»

Nach zwei Rezessionen in der Papierindustrie stand für Niklaus Küng fest, in eine sicherere Branche zu wechseln.

Die früheren Anforderungen an einen Abwart könne man heute allerdings nicht mehr stellen. Nicht zuletzt habe sich das Berufsbild auch mit der Zugehörigkeit zum Bauwesen der Gemeinde stark gewandelt. «Das Gespür, notwendige Arbeiten von sich aus zu erkennen und das Flair zum Putzen braucht es dennoch weiterhin.»

Kinder sind lärmiger geworden

Nebst Reinigungsmann und Gärtner gehört bei Niklaus Küng auch «Polizist spielen» dazu, wie er schmunzelnd sagt. Mit seinem Gespür und seinen Adleraugen scheint ihm kein Lausbub oder kein Lausmädchen zu entgehen. «Ich komme jedem auf die Schliche.» Statt zu brüllen und die Kinder anzuschnauzen, legt er Wert auf einen anständigen, fairen Umgang. «Das Wichtigste ist, den Kindern zu begründen, weshalb der Schmarren, den sie machten, nicht gut war.»

Sogenannte Störenfriede habe es immer schon gegeben und werde es auch immer geben. «Es liegt in der Natur der Menschen, Grenzen auszutesten.» Arbeit und schräge Situationen habe es aber nicht nur mit Schülern gegeben, sondern auch mit Lehrern: «Schräg war, als ich einst während der Schulferien die Zimmer putzte und einen Zettel am Aquarium in einem Klassenzimmer mit der Notiz ‹wir haben Hunger› entdeckte», erzählt er. Die zuständige Lehrerin ging automatisch davon aus, dass der Abwart die Fische füttern wird. «Einige waren bereits tot.»

In all den Jahren ist dem Abwart aufgefallen, dass die Kinder lärmiger geworden sind und beim Gehen schlurfen. «Früher herrschte Zucht und Ordnung», sagt er augenzwinkernd. An Anstandsregeln liegt ihm viel:

"Ein einfaches Grüezi genügt. Leider geht dies immer mehr verloren. Womöglich weil immer mehr von der Stadt hier aufs Land ziehen und diese Geste nicht kennen."

Er aber hält daran fest – auch wenn er denselben Schüler fünfmal am Tag grüsst. «Es ist doch ein anderes aufeinander zugehen, als wenn jeder seinen Kopf gesenkt hält.»

Handy endlich beiseitelegen

Auch seine eigenen Kinder gingen hier in Jonschwil zur Schule. «Für sie war es aber keine einfache Zeit», erzählt Niklaus Küng. So waren ihre Gspänli der Auffassung, dass sie als Kinder des Abwarts einen besonderen Status geniessen würden, und foppten sie. «Dabei war genau das Gegenteil der Fall. Denn sie mussten jeweils mitanpacken. Dafür aber gab es von mir ein Sackgeld.»

Niklaus Küng, der in einem Jahr pensioniert wird, würde seinen Beruf wieder wählen. «Es gab noch keinen Tag, an dem ich nicht gerne zur Arbeit ging.» Auf seinen neuen Lebensabschnitt freut er sich dennoch. Er sieht sich auf Wanderungen in den Walliser Bergen. Dann endlich werde er das Handy beiseitelegen, das er für den Notfall gekauft habe, heute aber zum Zwang geworden ist. Lieber ist ihm der persönliche Austausch. «Beim geschriebenen Wort geht vieles verloren, was ich sehr bedauere.»

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