Nach 36 Jahren ist Schluss: Henau verliert eine Traditionsbäckerei, weil die Besitzer Neues wagen

Vergangenen Samstag haben Luzia und Urs Gemeinder die Kundschaft zum letzten Mal mit Backwaren bedient. Nach 36 Jahren wollen sie etwas Neues wagen.

Andrea Häusler
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Die Bäckerei Gemeinder, nebst der Bäckerei Niffeler die zweite in Henau, hat die Geschäftstätigkeit aufgegeben.

Die Bäckerei Gemeinder, nebst der Bäckerei Niffeler die zweite in Henau, hat die Geschäftstätigkeit aufgegeben. 

(Bild: Andrea Häusler)

Der Duft knuspriger St.Galler Bürli ist verflogen, das Ladenmobiliar abgebaut, das Gros der Maschinen und Geräte verkauft. Nur der Ofen steht noch in der Backstube. Er hat seine Lebensdauer erreicht. Zeitgleich mit der Traditionsbäckerei von Urs und Luzia Gemeinder an der Felseggstrasse 21. Um Punkt 12.15 Uhr sperrten die Geschäftsleute am vergangenen Samstag die Ladentür zu – zum letzten Mal nach gut 36 Jahren.

Am Schluss ging tatsächlich alles schnell, sagt Urs Gemeinder rückblickend. Jedoch nur deshalb, weil die Geschäftsaufgabe langfristig geplant und die Schliessung wohl vorbereitet gewesen seien.

«Wir haben unsere Kundschaft bereits im Frühjahr informiert. Im Verlauf des Jahres hat dann der Entscheid im Dorf nach und nach die Runde gemacht.»

Keine Kaufinteressenten für Bäckerei

Es sind nicht wirtschaftliche Gründe, die zum aus der Dorfbäckerei geführt haben. Urs Gemeinder bestätigt zwar, dass sich der Markt im Bäckereigewerbe mit den Essgewohnheiten und der ausgebauten Präsenz der Grossverteiler und Tankstellenshops im Segment des Brotverkaufs gewandelt hat. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass Kleinbetriebe, welche die Nähe zur Kundschaft pflegen, Qualität bieten, Spezielles im Sortiment haben und dem wachsenden Bedürfnis nach Produkten lokaler Herkunft entsprechen, Erfolg haben können. Deshalb hoffte er auch insgeheim, den Betrieb an einen Nachfolger verkaufen zu können.

«An einen jungen, initiativen Berufsmann, der sich – wie wir dereinst – mit viel Freude, dafür möglichst ohne Personalkosten und Wachstumsgelüste, durchaus eine Existenz hätte aufbauen können.»

Gemeinders Wunsch blieb unerfüllt. Doch er ist nur einer von vielen. Andere Träume werden sich Luzia und Urs Gemeinder erfüllen. Dafür haben sie die Geschäftstätigkeit mehrere Jahre vor Erreichen des Pensionsalters aufgegeben.

«Wir haben, nebst der beruflichen Tätigkeit in der Backstube und dem Laden, seit jeher vieles gemacht – auch Unkonventionelles», sagt Urs Gemeinder. Dann erzählt er von den rund 1000 Christbäumen, die er schon verkauft hat, von der Jaguar-/Range Rover-Ausstellung in Henau, dem Bühler-Mahlstuhl in seinem Garten und der Renovation einer alten, baufälligen Mühle in Südbünden. Die Ideen sind dem 59-Jährigen nicht ausgegangen – im Gegenteil. Um mindestens einen Teil ihrer Vorhaben umzusetzen, haben er und seine Frau entschieden, das zu tun, was sie sich vor 36 Jahren vorgenommen hatten: Früh ins Geschäftsleben einzusteigen und dafür zeitig aufzuhören.

Abschied von Haus und Dorf

Urs und Luzia Gemeinder wollen einen Neuanfang, nochmals durchstarten. «Das Leben ist zu kurz, um über all die Jahre ausschliesslich das Gleiche zu tun», sagt Gemeinder und ergänzt: «Da können wir von der jüngeren Generation etwas abgucken.» Für den Neubeginn lässt das Paar die gewohnte Umgebung hinter sich. «Unsere Liegenschaft hat einen Käufer gefunden», sagt Urs Gemeinder ohne das bisschen Wehmut, das er mit dem Ende eines doch prägenden Lebensabschnitts verbindet, zu verbergen. Einen Laden werde es nicht mehr geben, jedoch einen Gewerbebetrieb. Die Gemeinders ziehen von Henau, bleiben aber in der Ostschweiz wohnhaft.

«Denn, als langjähriger Henauer und gebürtiger St.Galler habe ich hier mein persönliches Umfeld.»
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