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HEIMWEH: Letzte Bastion in der Ostschweiz

Vor 50 Jahren schlossen sich Glarner aus Wil und Umgebung zu einem Verein zusammen. Heute finden dort auch waschechte Wiler eine Heimat. Überhaupt verbindet Glarus und die Äbtestadt einiges.
Ursula Ammann
Sie leiten den Glarnerverein Wil und Umgebung: Elisabeth Noser, Herbert Rhyner, Balz Tschudi (Präsident), Regina Faoro und Elfriede Schneebeli.

Sie leiten den Glarnerverein Wil und Umgebung: Elisabeth Noser, Herbert Rhyner, Balz Tschudi (Präsident), Regina Faoro und Elfriede Schneebeli.

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Jedes Kind hat Fridolin schon gesehen. Auch in Wil begegnet ihm, wer genau hinschaut. Der Heilige im Glarner Wappen schmückt die Fassade des Hauptmannshauses in der Altstadt. Glarus war neben Zürich, Schwyz und Luzern einer der Schirmorte der Abtei St. Gallen. Diese stellten jeweils einen Hauptmann, der den Abt in Wil beriet und unterstützte. Alle zwei Jahre kam ein anderer an die Reihe, und so ging im historischen Wiler Hauptmannshaus auch manch ein Glarner ein und aus. Die Zeit der äbtischen Herrschaft ist vorbei. Glarner gibt es hier ­jedoch nach wie vor, wenn auch nicht mehr als Hauptmänner, sondern als gewöhnliche Einwohnerinnen und Einwohner. Aus verschiedenen Gründen ­haben sie ihre Heimat verlassen. Eine Heimat, die sie wiederfinden im Zusammensein mit anderen, die mit dem Glarnerland und seinem Brauchtum ebenfalls verbunden sind. Dieses gemeinsam zu pflegen ist ein Ziel des Glarnervereins Wil und Umgebung, der diesen Samstag bereits seine 50. Hauptversammlung abhält.

Jährlich Landsgemeinde und Näfelser Fahrt

Die Vereinsgeschichte begann am Stammtisch im «Löwen», Niederuzwil. Dort trafen sich in den 1960er-Jahren regelmässig fünf Heimweh-Glarner zum Austausch. «Ihre Frauen waren davon nicht immer so begeistert», erzählt Balz Tschudi, der seit 17 Jahren Präsident des Glarnervereins Wil und Umgebung ist. Die Frauen hatten damals noch kein Wahlrecht, und folglich war auch das Vereinsleben Männersache. Als bei einer Abstimmung an der Landsgemeinde in Glarus am 7. Mai 1967 beschlossen wurde, den Frauen in gewissen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ein Stimmrecht zu erteilen, zeigte das auch in Wil Wirkung. Eine Woche darauf wurde provisorisch ein Vorstand für einen Glarnerverein gebildet, knapp ein Jahr später fand die erste Versammlung statt. Neben diversen Aktivitäten wie Jassen und Kegeln gibt es für die Mitglieder zwei jährliche Termine, die in der Agenda besonders fett eingetragen sind. Die Landsgemeinde und die Näfelser Fahrt. Diese erinnert an die Schlacht bei Näfels, gilt aber auch als Fest der Versöhnung, wie Balz Tschudi sagt. Den Fahrtbrief, der Jahr für Jahr verlesen wird, kennt er beinahe auswendig. Er selbst hat in Näfels seine Wurzeln, kam nach dem frühen Tod seines Vaters aber ­bereits im Primarschulalter nach Flawil. Sein Glarner Dialekt ist nicht mehr so stark, die Verbundenheit mit dem Glarnerland aber umso mehr. Das hört man, wenn Tschudi mit Enthusiasmus vom Martinsloch in Elm spricht, durch das einmal im Jahr die Sonne hindurchscheint. Und auch in seiner Kleidung drückt Tschudi die Liebe zum Glarnerland aus. Auf seiner Krawatte tummeln sich Dutzende kleiner Fridoline. Jede Woche reist Tschudi ins Glarnerland, wo er in einem Chor singt. Erst kürzlich hat dieser auf seinen Anstoss hin die Fridolins-Kantate in der katholischen Kirche Schwanden aufgeführt. Eingeladen wurden Glarnervereine aus der ganzen Schweiz.

Weshalb haben die Glarner solches Heimweh nach ihrer Heimat? «Wegen der Berge», sagt ­Elfriede Schneebeli. «Und wegen des Zigers», ergänzt Regina Faoro. Beide sind ursprünglich aus Näfels und nach Wil gezogen. Beide amten heute als Beisitzerinnen im Vorstand des Glarnervereins. Regina Faoro ist diesem 1975 beigetreten. Elfriede Schneebeli etwas später. Sie führte mit ihrem Mann – einem Zürcher – 25 Jahre lang eine Bäckerei in Wil. Auch Glarner Birnbrot gab es dort zu kaufen.

Neue Mitglieder sind eine Rarität

Der Verein ist aber nicht nur offen für Glarnerinnen und Glarner. Es darf jeder mitmachen, dem dieser Teil der Schweiz etwas bedeutet. Elisabeth Noser, Kassierin des Glarnervereins, ist eine waschechte Wilerin. Sie ist durch ihren Schwiegervater zum Verein gestossen. Ebenfalls in Wil aufgewachsen ist Herbert Rhyner, Vizepräsident und Ak­tuar des Vereins. Durch den Heimatort Elm ist er dem Glarnerland sehr verbunden. Bevor er dem Verein in Wil beitrat, engagierte sich Rhyner, der in Dussnang wohnt, im Thurgauer Glarnerverein. Dieser besteht allerdings nicht mehr.

Der Glarnerverein Wil und Umgebung denkt noch nicht ans Aufhören, obwohl auch ihm die Mitglieder nicht zufliegen: im Gegenteil. In seiner Blütezeit gehörten dem Verein 60 Personen an. Heute zählt er noch 30 Mitglieder. Das Interesse der jüngeren Generation ist sozusagen inexistent. «Am ehesten finden wir neue Mitglieder im Alter zwischen 60 und 70 Jahren», sagt Balz Tschudi. Doch das reiche, um das Vereinsleben aufrechtzu- erhalten. «In der Ostschweiz sind wir noch die letzte Bastion», so Tschudi. Abgesehen von Chur.

Der Vereinspräsident ist überzeugt: «In Wil haben wir den bevorzugtesten aller Glarnervereine.» Denn vom Platz neben der St.-Nikolaus-Kirche sehe man bei gutem Wetter wunderbar auf die Glarner Berge.

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