Hausreinigung für Brutvögel

Rund 70 Vogelarten unterscheidet Beni Egger allein an ihrem Gesang. Seit über 30 Jahren kümmert er sich um 230 Nistkästen in und um Degersheim. Nun möchte der Vogelfreund das Amt abgeben und sucht einen Nachfolger.

Melanie Graf
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Beni Egger reinigt und kontrolliert die Nistkästen in Degersheim. Mit einer Teleskopgabel kann er sie vom Baum holen. (Bild: Melanie Graf)

Beni Egger reinigt und kontrolliert die Nistkästen in Degersheim. Mit einer Teleskopgabel kann er sie vom Baum holen. (Bild: Melanie Graf)

DEGERSHEIM. Im Spätsommer beginnt für viele Vögel die grosse Reise nach Süden. Viele Nistkästen sind verlassen. Sind die Bewohner ausgeflogen, rückt das «Reinigungspersonal» an. Zwischen Herbst und Winter reinigt, kontrolliert und ersetzt Beni Egger die Nistkästen in den Wäldern rund um Degersheim, damit sich die Vögel im Frühling bei ihrer Rückkehr wieder neu einquartieren können. Es sind vor allem Brutvögel wie beispielsweise Meisen, Kleiber oder Distelfink, welche die Nistkästen bewohnen.

Den Plan im Kopf

Mit einer Teleskopgabel holt er die Nistkästen vom Baum. Früher benutzte er dazu eine Leiter. «Aber mit der Teleskopgabel ist es einfacher», sagt der 80jährige Vogelfreund schmunzelnd. Beni Egger ist Mitglied im Ornithologischen Verein Degersheim, in dessen Besitz 350 Nistkästen sind. 230 davon werden von Beni Egger betreut. Um die anderen 120 kümmert sich das Ehepaar Vreni und Sepp Lehnherr vom Fuchsacker.

Die Standorte der Nistkästen sind auf einem Plan eingezeichnet. Beni Egger braucht den Plan aber nicht. Er hat alle Standorte in seinem Kopf und weiss, wo sich jeder einzelne Nistkasten befindet. Manchmal hilft ihm auf seiner Tour ein anderes Mitglied des Vereins. Oft aber ist Beni Egger alleine unterwegs.

Schon als Bub hätten ihn Vögel interessiert, erzählt er. Sein Wissen habe er sich mit den Jahren angeeignet. Zudem besuche er seit 28 Jahren regelmässig Weiterbildungskurse. Rund 70 Vogelarten erkenne er alleine an ihrem Gesang.

Vom Aussterben bedroht

In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Artenvielfalt in Degersheim (und in der ganzen Schweiz) verändert. Beni Egger stellt fest, dass beispielsweise der Wiedehopf verschwunden ist. «Wir haben hier nicht mehr sehr viele Obstbäume. Und Obstgärten bilden den Lebensraum für den Wiedehopf.» Wie der Wiedehopf steht auch das Braunkehlchen auf der roten Liste. «Das Braunkehlchen lebt in blumenreichen, vielfältigen und extensiv genutzten Wiesen», weiss Beni Egger. Doch die intensive Landwirtschaft hat dem Vogel die Existenzgrundlage genommen. Auch der Gartenrotschwanz habe wegen der vielen Katzen im Dorf kaum mehr eine Chance, sich in einem Garten niederzulassen, sagt er nachdenklich. Auch findet er es schade, dass viele Landwirte beim Holzen die Nistkästen ignorieren würden, sie gar einfach unter Holzhaufen verschwinden liessen. Eine bessere Zusammenarbeit mit den Landwirten würde er sich diesbezüglich wünschen, sagt er.

Dass aber viele Private einen Nistkasten aufhängen, gefällt dem Vogelfreund. Allerdings warnt er davor, den Vögeln zu hohe Nistkästen zur Verfügung zu stellen. «Zu hohe Nistkästen können für die jungen Vögel zur Todesfalle werden, da sie den Ausgang nicht erreichen.» Trotz vieler Veränderungen in der Landwirtschaft und dem Rückgang der Lebensräume für Vögel schätzt der Vogelexperte, dass von den rund 200 Vogelarten, die in der Schweiz leben, etwa 60 bis 70 auch in Degersheim heimisch sind.

Nachfolger gesucht

Das Nistkasten-Ämtchen hat Beni Egger vor mehr als 30 Jahren von Hans Böni übernommen. Nun möchte auch er das Amt und sein Wissen jemand anderem übergeben. Interessierte Personen können sich bei ihm melden.