Hausarzt gibt den Traumberuf auf

DEGERSHEIM. In diesen Tagen löst Hansueli Schär seine Arztpraxis auf. Es war ein Rückzug in Raten, sagt der Spezialist für Traditionelle Chinesische Medizin, doch sein Wirkungsgebiet Medizin am Menschen lässt er noch eine Weile nicht los.

Michael Hug
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Die letzten Handgriffe einer Hausarztkarriere: Hansueli Schär schliesst seine Praxis an der Degersheimer Poststrasse. (Bild: Michael Hug)

Die letzten Handgriffe einer Hausarztkarriere: Hansueli Schär schliesst seine Praxis an der Degersheimer Poststrasse. (Bild: Michael Hug)

Es war sein Traumberuf, sagt Hansueli Schär, und er ist es immer noch: «Die Medizin interessiert mich immer noch sehr.» Mit 69 Jahren sei jetzt aber Schluss, meint er dieser Tage: «Ich löse meine Praxis auf. Und das genau 43 Jahre nach meinem Staatsexamen!» Am 17. November 1971 erhielt er den Bescheid, gestern schloss er seine Praxis für Traditionelle Chinesische Medizin. Der Traumberuf – er war es nicht auf Anhieb. Denn eigentlich wollte Schär Elektroingenieur werden und Militärpilot. «Ich machte das Brevet und flog, bevor ich Auto fahren konnte», lächelt er. Die Pilotenkarriere wurde durch Komplikationen nach der Mandelentfernung jäh gestoppt. Doch der Spitalaufenthalt hinterliess Spuren: «Die Erfahrung mit der Intensivmedizin hatte mich gepackt. Ich sagte zu meinem Vater: Ich will Medizin studieren!» Dem Vater, Bauer in Zürichs Vorortsgemeinde Bassersdorf, blieb die Sprache weg.

72-Stunden-Wochen

Es folgten sechseinhalb Jahre Studium in Medizin, fünf Jahre Ausbildung in Allgemeinmedizin, die Heirat, drei Kinder und der Umzug ins Toggenburg: «Am 1. April 1978 übernahmen wir eine Praxis in Nesslau.» Es hätte ihn von Anfang an richtig reingezogen, sagt Schär. Er spricht von 72-Stunden- und 7-Tage-Wochen, von Hausbesuchen auf Skiern, von Notfalleinsätzen auf Toggenburger Alpen, bei denen erst mal eineinhalb Stunden Fussmarsch gefordert waren. Dies zu einer Zeit, in der es keine Handys und keine allradgetriebenen Notfallfahrzeuge gab. «Ausserdem wurden im Gegensatz zu heute die Hausärzte auch bei Strassenunfällen aufgeboten. Die Rega hatte noch keine Notärzte an Bord.»

Die rechte Hand

«Meine Frau arbeitete mit, sie war als gelernte Operationsschwester meine rechte Hand, sie machte zudem die Buchhaltung, den Haushalt und erzog die drei Kinder. Ohne sie wäre das nie gegangen.» Nur langsam entspannte sich die Lage, als eine weitere Praxis in Nesslau eröffnet wurde. Aber dann stoppte das Schicksal Schärs bedingungslosen Einsatz: «Ein Sturz beim Inlineskaten. Das einzige Mal, dass ich keinen Helm trug.» Der Unfall hatte einschneidende Folgen: Ein Schädel-Hirn-Trauma, als Nachwirkungen davon Schwindelanfälle und Konzentrationsprobleme. Doch es kam noch schlimmer. Seine Ehe war am Ende, wurde geschieden und als Folge von beidem musste er die Praxis in Nesslau aufgeben.

Im Jahr 2000 kam Hansueli Schär als Kurarzt ins Kurhaus Sennrüti nach Degersheim. Doch das Kurhaus schloss schon 18 Monate später. Er wechselte wieder in sein angestammtes Metier und eröffnete eine Hausarztpraxis in Degersheim: «Ich hatte mich zwischenzeitlich in Traditioneller Chinesischer Medizin weitergebildet und konnte so Allgemein- und Komplementärmedizin anbieten.» Als er ins Pensionsalter kam, fuhr er seine Präsenzzeit Schritt für Schritt herunter. «Bisher war es noch ein Tag pro Woche», sagt er, «und jetzt ist Schluss.» Schär wird nächstes Jahr siebzig.

Werkstatt statt Sprechzimmer

Im Sprechzimmer steht noch einsam eine Behandlungsliege. Im Keller nebenan warten ganz andere Utensilien: «Ich möchte hier eine Holzwerkstatt einrichten.» Er wolle seine Kreativität und sein handwerkliches Geschick mehr einsetzen, lacht der verspätete Pensionär. Die Medizin gibt er trotzdem noch nicht ganz auf. Seit sieben Jahren bringt er sich beim «Luminawa»-Entwicklungsprojekt als Berater ein. Das vom Toggenburger Komponisten Peter Roth gegründete Projekt (www.luminawa.ch) hilft einem Dorf auf den Philippinen in seiner schulischen, wirtschaftlichen und medizinischen Entwicklung: «Man ist dort gerade beim Aufbau einer medizinischen Versorgungsstation.» Da wolle er sich auch künftig engagieren, dazu fliegt er auch im nächsten Frühling wieder auf die Philippinen, zum siebten Mal mittlerweile. Ausserdem ist der Ex-Hausarzt auch Grossvater – da warten auch Aufgaben auf ihn.