«Hast du die Umlautpunkte geklaut?»

Flawil. Am Anfang war das Wort. Das geschriebene, nicht das gesprochene. Gesprochen wird an einem Ohne-Rolf-Abend nicht. Aber doch sehr viel gesagt. Vielleicht waren deshalb so wenige Politiker am Freitagabend im Lindensaal.

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«Ohne Rolf» mit Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg: Eine Vorstellung ohne gesprochene Worte. (Bild: mhu.)

«Ohne Rolf» mit Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg: Eine Vorstellung ohne gesprochene Worte. (Bild: mhu.)

Flawil. Am Anfang war das Wort. Das geschriebene, nicht das gesprochene. Gesprochen wird an einem Ohne-Rolf-Abend nicht. Aber doch sehr viel gesagt. Vielleicht waren deshalb so wenige Politiker am Freitagabend im Lindensaal. Es gilt das gesprochene Wort, würden diese sagen, darum reden sie ja so viel und sagen dabei meistens nichts. Doch das tut hier nichts zur Sache. Sache ist: Die Stimmberechtigten – das Publikum – haben eine Stimme, im Gegensatz dazu haben Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg keine. Sie überbringen ihre Botschaften unausgesprochen, dafür geschrieben. Gedruckt, richtig ausgedrückt, denn Ohne Rolf sind zwei Endlosdrucker, die nur zu stoppen sind, wenn die Tinte ausgeht. Oder das Papier staut.

«Ich bin ja gespannt»

«Hast du eine Ahnung, was von uns erwartet wird?», schreibt der eine dem anderen. Hat er nicht. «Ich bin ja gespannt», schreibt er zurück. Ungefähr beim 125. Blatt macht sich der eine Drucker plötzlich Sorgen: «Das Unwissen ueber unsere Zukunft bedruckt mich.» «Probier es positiv zu sehen», druckt der andere zurück. Da kommt sich dieser ziemlich geblättert vor, und der andere fragt: «Hast du meine Umlautpunkte geklaut?» Hat er. Plötzlich druckt der erste Drucker chinesische Zeichen. Der zweite Drucker druckt: «Ich habe dir gesagt, lass die Finger von der Bedienungsanleitung.»

Und dann sprechen, beziehungsweise drucken die zwei «Blattländer» wie ein Buch. Im Publikum finden sie Stimmberechtigte, die sprechen können, mitunter sogar Bücher bei sich tragen. Während des ganzen Abends wird aber kein Wort gesprochen. Ausser in der Pause, nebenbei erwähnt, aber die gehört nur indirekt zur Vorstellung. Ohne Rolf hält dem Publikum vor Augen, was kommunikationskulturell läuft in der heutigen Zeit. Was gesprochen wird und was nicht. Was so «geessemesst» und «gechattet» wird. Sinnvolles und weniger Sinnvolles, Verzichtenswertes und Dada-Leere. Das Publikum wird ganz schön gefordert bei Ohne Rolf, denn es muss erst lesen und dann denken. Gedanken sind immer schräg – kursiv – geschrieben.

Blatt um Blatt

Ferngesteuert schieben die beiden Drucker Blatt um Blatt aus dem Schacht. Rund 1000 kommen so zusammen während der Vorstellung.

Unglaublich, was Papier alles annimmt. Sogar im Kanon drucken geht: «Bruder Jakob, Bruder Jakob …». Ab und zu staut es sich oder gerät durcheinander, manchmal lassen sich Gedanken des Publikums fangen und kommen zu Papier, manchmal geraten Buchstaben durcheinander oder bleiben im Druckkopf stecken. Jonas Anderhub und Christof Wolfisberg verziehen dabei keine Miene. Wie Drucker eben sind: Stuss und Sinnvolles zu Papier bringend und sich dabei jeden Kommentars enthaltend. Die beiden wortlosen Kabarettisten können in drei Wochen ihren 35. Geburtstag feiern. Der eine am 2., der andere am 3. April. Nicht am 1. April, denn das wäre ein Papierscherz.

Michael Hug