Haschischgeruch und Stumpenqualm sind verflogen: Die Degersheimer «Mühle» steht vor dem Abbruch

Die «Mühle» in Degersheim wird abgebrochen. Am 14. März ist «Ustrinkete». Am einst prächtigen, später verruchten Restaurant hängen viele Erinnerungen.

Michael Hug
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Alte Postkarte des Gastwirtschaftsbetriebs an der Mühlegasse in Degersheim.

Alte Postkarte des Gastwirtschaftsbetriebs an der Mühlegasse in Degersheim.

Bild: PD

Jetzt hat für die «Mühle» das letzte Stündchen also doch noch geschlagen. Martin Roth, Degersheimer Schreiner und seit drei Jahren Besitzer des ehemaligen Restaurants und Hotels, baut hier ein Mehrfamilienhaus: «Am 16. März beginnen wir mit dem Abbruch der Altliegenschaft», verrät er. Obwohl, «abbrechen» darf man heutzutage ja nicht mehr, es heisst: rückbauen. Stück für Stück, Ziegel für Ziegel, Balken für Balken, Fensterscheibe für Fensterscheibe.

Martin Roth setzt schon einmal symbolisch den Geissfuss an. Der Abbruch der «Mühle» steht unmittelbar bevor.

Martin Roth setzt schon einmal symbolisch den Geissfuss an. Der Abbruch der «Mühle» steht unmittelbar bevor.

Bild: Michael Hug

«Das Barinventar ist verkauft, Balken und Bodendielen werden abgebaut und wiederverwertet.» Ansonsten gebe es nicht viel Wertvolles, das Interesse bei Wiederverwertern regen würde. Vieles sei alt, aber nicht antik, ein dreissigjähriges Lavabo will niemand, meint Roth.

Unterkunft für Gastarbeiter

Wertvoll sind die Erinnerungen, die an dem Haus hängen. Nachbar Walter Wessner hat einst darin gewohnt: «Als ich geheiratet habe, hatten wir unseren ersten Wohnsitz darin.» Das Haus habe damals seinem Grossvater Carl Zimmermann gehört, der darin eine Bäckerei und das Restaurant betrieben habe. Es war eine Zeit der Hochblüte, erinnert sich Wessner: «Um 1905 wurden der Tunnel und der Viadukt der Bodensee-Toggenburgbahn gebaut. Ein Teil der Arbeiter aus Italien und Montenegro haben in der Mühle gewohnt.»

22 Hotelzimmer hatte das Haus, sagt Martin Roth. Einige wurden später langfristig vermietet, andere standen immer mehr leer. Die Zeit der Hotellerie war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorbei. Dafür lebte das Restaurant auf. Erst als Treffpunkt der Bauern und der Vereine, unter den letzten Wirtsleuten Erwin und Margrit Speichinger als Wochenend-Dancing.

Sommervogel und Bobo

In der Gaststube sassen Bauern und eine halbe Treppe spielte jeden Samstag eine Live-Band Tanzmusik. «Die Mühle kenne ich vor allem als Dancing», sagt eine Degersheimerin, «wir sind nur zum Tanzen hingegangen.» Manchmal seien zwei, die sich beim Tanzen kennengelernt haben, in den Zimmern im zweiten Stock verschwunden, sagt man. Und manchmal haben sich einheimische Mädchen einen Musiker geschnappt – oder umgekehrt.

«Musik der damaligen Zeit» sei jeweils live gespielt worden, so die heute knapp 60-jährige Degersheimerin: «Schlager, Volksmusik, so in der Art.» Doch vielen damals 18- bis 28-Jährigen war das nicht die richtige Art der Unterhaltung. Martin Roth: «Schon Wirt Walter Meier hatte in den Sechzigern Musik ab Platten laufen gelassen. Und dann begann Remi Hefti mit der Disco, da waren da schon die Speichingers auf der Mühle.»

«Sommervogel» habe man Wirtin Margrit «Mäggie» Speichinger genannt, wegen ihrer bunten Kleider. Ihr Mann derweil war als «Bobo» allen Gästen ein Begriff. In jener Zeit hat ein Teil der Gäste gewechselt. Die Mühle wurde bekannt als Rock’n’Roll-Disco. Wenn Hefti aufgelegt habe, seien Gaststube und Tanzlokal voll gewesen sagt Roth.

Ihn selbst habe der Erfolg der Mühle-Disco dazu inspiriert, regelmässig als «Thüri’s Disco» im «Leuen» Wolfertswil aufzulegen. Trotz dieser Konkurrenz habe man sich nicht gegenseitig die Gäste weggenommen, die seien oft einfach von einem zum anderen Ort gependelt. Doch die Disco mit ihren vorwiegend jungen Gästen, «die jeweils mit dem Töffli von weit her kamen», habe auch negative Erscheinungen hervorgebracht. In der Mühle wurde Haschisch geraucht und gehandelt.

Jassen und kiffen

«Das war schon etwas seltsam», sagt ein heute knapp Siebzigjähriger, «oben sassen die Bauern beim Jassen, unten im Säli, die Türe war natürlich zu, wurden Joints reingezogen und Shit verkauft.» Ein «Rugel» machte die Runde, das Säli füllte sich mit qualmendem Rauch und süssem Haschischgeschmack, aber die Bauern mit ihren dicken Stumpen, ebenso im dicken Rauch, in der Gaststube merkten davon – fast – nichts. Da war viel Nervenkitzel dabei, jederzeit konnte ja die Polizei hereinkommen. Leute der damaligen Szene, erinnern sich: «Aber eigentlich kam die Polizei nie.»

Personal aus Nordeuropa

Doch diese Aera dauerte nicht lange. Als die Tanzanlässe weniger wurden und DJ Hefti nicht mehr auflegte, war die Zeit der rappelvollen Abende auch vorbei. Speichinger wehrten sich mit dem Einbau einer Bar und jungen Bedienerinnen aus Nordeuropa, gepaart mit Permanent-Musik ab Konserve. Die Gäste wechselten nochmals. Die Tänzerinnen und Tänzer, die Rock’n’Roll-Fans, die Bauern, die Kiffer bleiben nach und nach aus. «Doch, wir sind mit dem FC oft nach dem Training noch in die Mühle gegangen. Es wurde immer ziemlich lustig», sagt der ehemalige Trainer Josef Meienhofer.

Die Liegenschaft an der Mühlegasse, wie sie sich heute präsentiert.

Die Liegenschaft an der Mühlegasse, wie sie sich heute präsentiert.

Bild: Michael Hug

Aber es half alles nichts mehr. Der einstige Sommervogel Mäggie Speichinger musste sich eine Teilzeitstelle suchen und hielt die Bar der Mühle nur noch donnerstags und samstags offen. Man sagt, dass sie öfters einstige Stammgäste anrief und durchgab: «Ich habe dann offen heute Abend.»

Hinweis: «Usdrinketä»: 14. März ab 14 Uhr, Restaurant Mühle, Degersheim, mit DJ Lap und den Green Hill Dancers


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Das markante Landschaftsbild prägt noch immer die Gaststube, Täfer kleidet die Wände und auch die alte Rauchstube gibt es auch noch. Zeugen einer Zeit, in der im Restaurant Mühle an der Strasse nach Schwellbrunn noch gegessen und getrunken, getanzt, diskutiert und palavert wurde. Das ist lange her. Mit dem Tod von Margrit Speichinger im Jahr 2011 endete auch die Geschichte der Wirtschaft.

Über die Vergangenheit der «Böschenmühle» ist einiges bekannt, Daten und Fakten, welche die drei Degersheimer Dorfchronisten nun zusammengetragen haben. Erstmals erwähnt wird das Objekt 1447. Eine Handelsfamilie namens Zilly soll hier im Bleimoos (damals Blüwelmoos/Bleuelmoos) einen Bleuel (Schlegel zum Klopfen nasser Wäsche), eine Stampfe (Werkzeug zum Zerkleinern) und eine Sägerei betrieben haben. «Ein Indiz dafür, dass in Degersheim Agrarwirtschaft betrieben worden ist», wie Silvan Locher, einer der Chronisten sagt.

Nahe bei der Mühle lag damals ein lang gestreckter Weiher. Das Wasser floss vom Hengelenbach und aus dem Schwalmentobel in diesen Weiher. Zusätzlich floss Wasser aus einem zweiten Weiher (heute Parkplatz Freibad) in Richtung Mühle. «Wo genau das Mühlrad stand, kann nicht schlüssig eruiert werden. Es muss wohl auf der Hausseite gegen das Bleimoos gestanden haben», vermutet Hanspeter Indermaur.

55 Jahre später verkaufte die Familie Zilly den Betrieb und grosse Landanteile an Abt Konrad vom Kloster St. Johann im Toggenburg – für 2100 Rheinische Gulden. Wobei sich die Klosterverwaltung entschied, die Müllerei zu verkaufen, statt ein Lehen daraus zu machen. So übernahm 1511 Bastion Frug von Tegerschen die «Mühle».

Wann das heutige Gebäude erbaut wurde, ist nicht dokumentiert. Indermaur geht davon aus, dass das Datum um 1800 liegt. Im Oktober 1892 erwarb dann Carl Zimmermann das Wohnhaus mit Bäckerei und Wirtschaft. Als Bäcker und Wirt, arbeitete mit seiner Ehefrau Eva, geborene Marugg aus Klosters, im Restaurant und der Bäckerei Mühle und führte diese bis zu seinem Tod 1949.

Hernach folgten häufige Besitzerwechsel. 1969 entstanden an der Mühlegasse einige Einfamilienhäuser. «Der Quadratmeter Bauland kostete etwa sechs Franken, weiss Silvan Locher.

Überregionale Bekanntheit hatte das Lokal Ende der 60er-/Anfang der 1970er-Jahre als Disco. Damals war Robert Rauber Besitzer der «Mühle». In diese Zeit fiel 1974 auch eine grössere Renovation der Liegenschaft. (ahi)