Grün, grüner, Degersheim: Die Gemeinde ist mit dem Label «Grünstadt Schweiz» ausgezeichnet worden

Degersheim ist damit die erste Gemeinde mit weniger als 10000 Einwohnern, die dieses Label erhält. Es würdigt Bemühungen um Biodiversität und Grünflächen.

Tobias Söldi
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Manuel Weibel (rechts) von «Stadtgrün» übergibt das Zertifikat an Simon Witzig (links), Leiter Werke Degersheim. (Bild: Tobias Söldi)

Manuel Weibel (rechts) von «Stadtgrün» übergibt das Zertifikat an Simon Witzig (links), Leiter Werke Degersheim. (Bild: Tobias Söldi)

«Grünstadt»? Passender wäre eine Bezeichnung mit den Farben Rot, Braun, Grün und Weiss gewesen. Als Gemeindepräsidentin Monika Scherrer, Werkhof-Leiter Simon Witzig und sein Team am Mittwochnachmittag das Label «Grünstadt Schweiz» überreicht bekamen, zeigte sich das Föhrenwäldli in herbstlichen Farben, und sogar einige weisse Flocken fielen bereits vom Himmel.

Das Zertifikat der Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter würdigt die Bemühungen Degersheims um nachhaltige Grünräume und Biodiversität. Unter der Leitung von Simon Witzig wurde dafür in den vergangenen zwei Jahren ein Dossier mit entsprechenden Massnahmen erarbeitet. Dieses wurde von Experten von «Stadtgrün» geprüft und für gut befunden. Die Gemeinde hat die Bronze-Auszeichnung erhalten. Gold hat noch niemand erreicht. Simon Witzig: «Für Silber hat es knapp nicht gereicht.»

Simon Witzig, Leiter Werkhof

Simon Witzig, Leiter Werkhof

Mit der Sense statt den Maschinen

Um was geht es konkret? Der Werkhof-Leiter gibt einige Beispiele über vergangene und geplante Massnahmen. So werden bestimmte Wiesen nicht mehr mit der Maschine, sondern zum Schutz von Lebewesen und Pflanzen mit der Sense gemäht. Andere Flächen werden mit einer attraktiven Blühmischung aufgewertet, um Neophyten zu bekämpfen. Vorgesehen ist auch, über die Anpassung des Baureglements die Begrünung von Dachflächen zu fördern. Private sollen zudem mit Fachartikeln, Anleitungen oder Pflanzenlisten in ihrem Bemühen um Nachhaltigkeit und Biodiversität unterstützt werden.

Die Anfänge dieser Bemühungen Degersheims gehen auf das Jahr 2017 zurück: Damals lancierte die Gemeinde im Zusammenhang mit einem Wettbewerb der St.Galler Kantonalbank das Projekt «Degersheim zum Anbeissen» – lange bevor sich die «grüne Welle» über das Land ergoss, wie Gemeindepräsidentin Monika Scherrer betonte. Mit Projekten wie dem Pflückgarten beim Kindergarten an der Bergstrasse und dem Heilkräuterpfad sollte Degersheim «farbiger, freundlicher, nachhaltiger» werden. Scherrer erinnert sich:

Gemeindepräsidentin Monika Scherrer

Gemeindepräsidentin Monika Scherrer

«Wir fragten uns, wie wir dieses Projekt weiterführen konnten.»

Die Antwort fand man in «Stadtgrün».

Merkblätter für Bauherrschaften

Manuel Weibel, Vorsitzender der Labelkommission, der das Zertifikat überreichte, betonte denn auch den politischen Willen der Gemeinde. «Die Zertifizierung war langfristig geplant», sagt er. Als besondere Stärken erwähnt er das Baureglement, welches Ökologie und Nachhaltigkeit berücksichtigt, sowie die enge, rasche Zusammenarbeit in der Verwaltung.

Aber auch Verbesserungspotenzial gibt es: So seien weitere Anstrengungen in der Dokumentation nötig. Die Anforderungen von «Grünstadt Schweiz» müssen in Weisungen und Reglementen klar zum Ausdruck kommen, sodass auch bei personellen Wechseln die eingeschlagene Richtung weitergeht. Zudem sollen Merkblätter und Richtlinien für Bauherrschaften erarbeitet werden.

Erfolgskontrolle in vier Jahren

Dass die Arbeit mit der Zertifizierung noch längst nicht abgeschlossen ist, weiss man auch in Degersheim. In vier Jahren wird die Umsetzung kontrolliert. «Dann wollen wir Silber erreichen», verrät Gemeindepräsidentin Scherrer.

Die öffentliche Feier der Auszeichnung findet im Frühling anlässlich der Hauptversammlung des Verkehrsvereins statt – dann hoffentlich in einer wirklich grünen Umgebung.

Dachbegrünungen für Bienen und Verzicht auf Herbizide

Hinter dem Label «Grünstadt» steckt die Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG/USSP). Seit 2016 zeichnet Grünstadt Schweiz Wohnorte aus, die sich besonders für die Gestaltung und Pflege ihres Grüns einsetzen. Dieses Label wird in den Kategorien Bronze, Silber und Gold vergeben. Degersheim hat Bronze erhalten, will heissen: die Gemeinde erfüllt die Standard-Massnahmen.

Grünstadt Schweiz hat in einem ausführlichen Massnahmenkatalog zusammengestellt, welche Vorgaben für eine Zertifizierung erfüllt sein müssen. Zu diesen insgesamt 60 Massnahmen gehört gemäss ihrer Website unter anderem, dass Grünräume naturnah und umweltschonend gepflegt und Alt-bäume geschützt werden, da diese besonders viele Arten beherbergen. Zudem verlangt der Massnahmenkatalog, dass der Boden möglichst wenig versiegelt wird, damit das Leben unter der Oberfläche weitergeht.

An Gebäudehüllen sollen Lebensräume geschaffen werden, etwa für Fledermäuse und Mauersegler. Und die Bauordnung muss Dachbegrünungen festschreiben, die Bienen als Weide dienen. Auch muss die Gemeinde ihre Gärtner dabei unterstützen, auf Herbizide zu verzichten, damit Kinder gefahrlos kriechen können und das Grundwasser sauber bleibt. Dazu kommen weitere Massnahmen, die Prozesse innerhalb der Verwaltung betreffen, zum Beispiel Standortmarketing, Aus- und Weiterbildung des Personals sowie Themen wie Unkrautregulierung und Technikeinsatz.

Bereits zertifiziert sind folgende sechs Städte: Luzern, Winterthur, Ecublens, Basel und Schaffhausen. Aktuell im Zertifizierungsprozess befindet sich in der Ostschweiz die Gemeinde Lichtensteig. (pd/tos)