Glück und Misserfolg mit Stoffen: Wie Wil ein Zentrum der Leinwandherstellung wurde und das Geschäft wieder einbrach

Das Textilgewerbe brachte der Ostschweiz einigen Wohlstand. Auch Wil war eines der frühen Produktionszentren, doch der Erfolg der Branche stand immer im Schatten jenes der Stadt St.Gallen.

Adrian Zeller
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Die Buntweberei von Jakob Josef Müller in Wil war seinerzeit die grösste im Land.

Die Buntweberei von Jakob Josef Müller in Wil war seinerzeit die grösste im Land.

Bild: PD

Flachs, aus dessen Fasern Leinen gewonnen wird, ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Funde belegen bereits in der Jungsteinzeit entsprechende Kleidungsstücke.

Speziell in der Ostschweiz entwickelte man früh einiges Geschick bei der Verarbeitung dieser Pflanze. Eine Urkunde erwähnt bereits im 9. Jahrhundert im Kloster St.Gallen Kleider aus Leinen. Vom Flachsanbau bis zum Tuch müssen einige Arbeitsschritte ausgeführt werden. Dazu gehören das Brechen, Hecheln, Spinnen, Walken, Weben, Bleichen und Färben.

Die Gegend zwischen Alpstein und Bodensee wurde im Mittelalter zu einem Zentrum der Leinwandherstellung. Eine Reihe von Städten wie Rorschach, Bischofszell, Arbon und weitere waren neben der Stadt St.Gallen Herstellungsorte.

Ostschweizer Produkte hatten einen guten Ruf

Die Produkte aus der Ostschweiz hatten einen guten Ruf und wurden auch ins Ausland exportiert. Um die Qualität zu sichern, wurden von der Obrigkeit entsprechende Vorschriften erlassen und Prüfer eingesetzt.

War das Ergebnis zufriedenstellend, wurde ein städtischer Stempel als Gütesiegel aufgedruckt. Jedoch war der Herstellungsprozess so stark reglementiert, dass er mit der Zeit der Billigkonkurrenz aus anderen Landesteilen und aus dem Ausland nicht mehr standhalten konnte. Zudem kam die Baumwolle auf den Markt. Ihre Vorteile in der Verarbeitung verdrängten schliesslich im 19.Jahrhundert die Leinenproduktion.

In Wil ist die Leinwandherstellung erstmals 1383 dokumentarisch belegt. Allerdings florierte der Geschäftsgang nicht besonders. Als der Klosterreformer Ulrich Rösch sein Amt als Fürstabt antrat, sorgte er für neuen Aufschwung. Er vermittelte 1472 zusätzliche Marktrechte für Wil, baute den Hof zu einem Verwaltungszentrum aus und investierte gemeinsam mit der Stadt in die Infrastruktur zur Leinwandherstellung.

Städtische Beamte kontrollierten die Stoffe

Das Textilgewerbe Bleichen an der heutigen Oberen Bahnhofstrasse.

Das Textilgewerbe Bleichen an der heutigen Oberen Bahnhofstrasse.

Bild: PD

Daran erinnert heute noch der Bleichparkplatz. Rechts und links der jetzigen Oberen Bahnhofstrasse wurde einst gewobene Leinwand zum Bleichen ins Sonnenlicht gelegt. Auch in Wil wurden die Produkte von vereidigten städtischen Beamten kontrolliert.

Bei befriedigender Qualität stempelten sie einen Bär und ein W als Gütesiegel auf. Entsprach das Produkt nicht dem Standard, wurde es vom Prüfer zerschnitten. Es durfte lediglich mit privaten Handelssigneten verkauft werden. Die Produkte mit dem Wiler Label wurden unter anderem in Lyon und in Nürnberg gehandelt. Allerdings richteten Kaufleute immer wieder Klagen an den Wiler Rat: Die Handwerker würden zu wenig sauber arbeiten, wurde bemängelt.

Die Tücher seien zum Teil verfärbt und nicht so reinweiss wie die Produkte aus St.Gallen und Appenzell. Es wurde auch die Sorgfalt der Wiler Qualitätskontrolle beanstandet und der Stadt mit Schadenersatzforderungen gedroht.

Wenig Geschick beim Handel

Nicht nur Qualitätsdefizite führten zu Absatzproblemen, auch wenig Geschick beim Handel, etwa durch unvorteilhafte Gegengeschäfte sowie mangelnde Französischkenntnisse. Zudem deckte der Gewinn die Reise- und Handelsspesen knapp oder gar nicht.

Schliesslich kam es auch noch zu Einbrüchen im Geschäftsgang infolge des Dreissigjährigen Krieges. Alles in allem entwickelte sich das Wiler Leinwandgewerbe mit der Zeit eher zu einem Verlustgeschäft. Im 17. Jahrhundert wurde es schliesslich aufgegeben.