vor 45 Jahren
«Wie unsäglich viel Leid wäre über die Gemeinde gekommen»: Als in Wil eine Lamelle aus dem Kirchturm stürzte und wie ein riesiger Speer im Boden stecken blieb

Der Zwischenfall vom 16. April 1966 schaffte es sogar auf die Titelseite des «Blick». Als Ursache wurde der Schall der Glocken vermutet, die Mutter einer Befestigungsschraube wurde auf dem Boden der Glockenstube gefunden. Heute wird der Kirchturm regelmässig kontrolliert.

Pablo Rohner
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Zahnlücke und Speer: Diese beiden Bilder waren am 18. April 1966 in der «Wiler Zeitung».

Zahnlücke und Speer: Diese beiden Bilder waren am 18. April 1966 in der «Wiler Zeitung».

Bilder: PD

Am Karfreitag des Jahres 1966 war der Platz vor der evangelischen Kreuzkirche wie üblich voll mit Kirchgängerinnen und Kirchgängern. Oben im Turm läuteten die Glocken. Während die Menschen Jesus' Kreuzigung gedachten, erzitterten die Schrauben, welche die zehn Meter langen und 1,8 Tonnen schweren Betonlamellen im Kirchturm hielten im Schall. Doch noch hielten sie.

Der Wiler Lamellensturz auf der Titelseite des «Blick».

Der Wiler Lamellensturz auf der Titelseite des «Blick».

Am Samstag der folgenden Woche, während des abendlichen Betzeitläutens, löste sich eine dieser Schraube. Eine Lamelle kippte aus der Befestigung, stürzte 30 Meter in die Tiefe, vollzog dabei eine halbe Drehung und bohrte sich, mit dem oberen Teil nach unten, zwischen Kirche und Mesmerhaus zwei Meter tief in den Boden. Wie der Speer eines Riesen steckte sie im Rasen. Der Wiler Lamellensturz schaffte es auch auf die Titelseite des «Blick». Über den Hergang hiess es dort:

«Niemand hatte den Zwischenfall beachtet, und der Mesmer hatte nichts gehört.»

«Fast unhörbar, nur mit einem leisen Zischen» sei die Lamelle gestürzt. Die Vibration beim Läuten musste so stark gewesen sein, dass sich eine Befestigungsschraube löste, welche die Lamelle «in der Führung» hielt. So erklärte der Architekt der 1963 fertiggebauten Kirche, Fritz Brauen aus Bronschhofen, den Zwischenfall im «Blick».

Heute wird regelmässig auf Sicht kontrolliert

Die Mutter der Schraube wurde später am Boden der Glockenstube gefunden, berichtete die «Wiler Zeitung». Aus den letzten Zeilen des Artikels spricht die Erleichterung darüber, dass die Schraube eine Woche zuvor am Karfreitag noch gehalten hatte: «Wie unsäglich viel Leid wäre über die Gemeinde gekommen.»

Heute werden die Lamellen im Turm der Kreuzkirche regelmässig «auf Sicht» kontrolliert, sagt Mesmer Thomas Siegrist. Seit dem 16. April 1966 halten sie.

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