Glosse
Demonstration gegen die Mobilfunkantenne

Überall regt sich Widerstand gegen die 5G-Antennen. Darüber erzählt der freie Autor Peter Eggenberger eine erfundene Geschichte – welche er aber durchaus so erlebt haben könnte.

Peter Eggenberger
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Telefonieren schon, aber ohne Antennen: Das wollen viele.

Telefonieren schon, aber ohne Antennen: Das wollen viele.

Bild: Peter Eggenberger

Alle wollen überall und jederzeit telefonieren, und niemand will die dazu benötigen Mobilfunkantennen. Und als der Kirchturm einer Toggenburger Gemeinde als Antennenstandort zur Diskussion stand, ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung. Kurz entschlossen wurde für eine handfeste Demonstration mobilisiert …

Kaum habe ich das Telefon abgenommen, werde ich von einer lauten und keine Widerrede duldenden Stimme in Beschlag genommen. «Peter, hast du es auch gehört? Verrückt …! Nicht wahr, ihr kommt auch. Du und Gerda. An unsere Demonstration. Macht ein grosses Plakat mit der Aufschrift ‹Wir sind fürs Leben und folglich dagegen!› Wir zählen auf euch …! Und wenn ihr …»

Dem Gemeinderat Beine machen

Es ist Dora oder eben Dorli, diese notorische Schwätzbäsi. Ich habe nicht die geringste Lust, ihr zuzuhören, zumal ihre Anrufe immer zu Unzeiten erfolgen: während meines verdienten Mittagsschlafs, abends spät oder wenn ich dringende Schreibarbeiten zu erledigen habe. Dann aber halte ich den Hörer widerwillig doch wieder ans Ohr, denn schliesslich bin ich ein höflicher Mensch. «Was für eine Demonstration? Und wann? Und wo?», frage ich gelangweilt.

«Was, du willst doch nicht sagen, du hättest nichts erfahren! Liest du denn keine Zeitungen? Schaust du nie Fernsehen? Und hörst du kein Radio?» Ihre Entrüstung ist förmlich greifbar, als sie ausholt. «Die Mobilfunkantenne, die im Kirchturm installiert werden soll! Hast du gehört: Moooobiiiilfunkantenne! Da muss gehandelt werden, und zwar sofort! Am besten mit einer Demonstration! Das macht unserem Gemeinderat Beine! Und man weiss ja, welche Krankheiten diese verflixten Antennen auslösen. Die schädlichen Strahlen. Mein Vettergötti im Werdenbergischen kalbert nicht mehr, seit neben seinem Hof eine Antenne aufgestellt worden ist …»

Warum nicht auf dem Kirchturm?

«Was sagst du? Klar, die Kühe kalbern nicht mehr. Frag nicht so blöd und lach nicht so dumm! Die Sache ist ernst, sehr ernst. Er – eben, mein Vettergötti – leidet an Schwindel, Kopfschmerzen, Appetit- und Schlaflosigkeit. Schachtelweise Pillen muss er schlucken, schachtelweise, sag ich dir! So, und jetzt bist du an der Reihe!»

Ich wage einzuwenden, dass punkto Kirchturm ja noch nichts entschieden sei, und dass auch keine schlüssigen Beweise bezüglich krank machender Strahlung vorlägen. «Und jedermann will doch überall und jederzeit telefonieren. Folglich braucht es stetig neue Antennen, das ist doch logisch, oder? Und warum nicht auf dem Kirchturm? Dort sieht man sie wenigstens nicht …»

Jetzt habe ich Dorli endgültig auf dem falschen Fuss erwischt. «Du Einfaltspinsel! Heiliger Bimbam! Man sieht sie nicht, aber man spürt sie, hörst du, spüren! Denk an die Schulergoofen! Die Konzentration lässt nach, sie lernen kaum mehr rechnen, lesen und schreiben. Und die meisten leiden bereits am frühen Morgen an Brechreiz. Überdies sind sie frech, saufrech! Und all das wegen dieser Antennen und deren Strahlung!»

Ein unvorstellbares Leben ohne Handys

Als ich entgegne, dass die mangelnde Konzentration höchstwahrscheinlich dem übermässigen Fernseh- und Videokonsum zuzuschreiben, der Brechreiz eine Folge des ständigen Trinkens von allergattig Süsswasser und die Ursache des Frechseins wohl einer inkonsequenten Erziehung anzulasten sei, ist der Zapfen endgültig ab.

«Dummes Zeug!», schneidet mir Dorli abrupt das Wort ab. «Schuld sind einzig die Antennen, fertig und basta! Und denk an die vielen Velofahrer und Ausflügler. Sie werden unser liebenswertes Toggenburg künftig meiden. Also, Peter, nächsten Samstag um elf Uhr auf dem Kirchplatz, mit Plakat und Lärminstrumenten, wir zählen auf euch, lasst uns nicht im
Stich …!»

Als Dorli wieder Atem holt, will ich wissen, wo sie eigentlich am Telefonieren sei. «Wo? Auf meinem Balkon. Hier lässt es sich ausgezeichnet telefonieren, um Leute für unsere Demonstration aufzubieten. Du bist bereits der Elfte. Und ich muss schon sagen, diese Handys sind halt schon eine tolle Sache, und ich könnte mir das Leben ohne ganz und gar nicht mehr vorstellen!»