Glocken um Eins und Massentrance

Flawil. «Vom <Rebstock> zum Lindensaal – ein Quantensprung!», sagt selbst DJ Hot Pännz alias Daniel Müller. «Ein Stilbruch!», sagte wohl mancher Rock 'n' Roll-Fan im Vorfeld. «Verrat!», grunzten Hardcore-Gewohnheitsmoralisten.

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Schiere Massentrance? Nein, guter alter Rock 'n' Roll bringt 300 Leiber ins Zucken. (Bild: mhu.)

Schiere Massentrance? Nein, guter alter Rock 'n' Roll bringt 300 Leiber ins Zucken. (Bild: mhu.)

Flawil. «Vom <Rebstock> zum Lindensaal – ein Quantensprung!», sagt selbst DJ Hot Pännz alias Daniel Müller. «Ein Stilbruch!», sagte wohl mancher Rock 'n' Roll-Fan im Vorfeld. «Verrat!», grunzten Hardcore-Gewohnheitsmoralisten.

Man konnte es sehen, wie man wollte, die alljährliche Januar-Oldies-Disco der Grünen im «Rebstock zu Alterschwil» war zum Niedergang verurteilt. Längst schon waren die Grenzen des Unerträglichen überschritten. Schon seit Jahren machten sich Veranstalter, Wirtin und Nachbarn Sorgen, wie das nur weitergehen sollte. Aufgeben aufgrund des Erfolgs wäre wohl der letzte aller Schritte, aber der einzig mögliche gewesen.

Legendäre Hammerstimmung

Es war dennoch ein Risiko, die Oldies-Disco nach Flawil zu zügeln. Vorab die schiere Grösse des Lindensaals besorgte die Veranstalter. Würde er wohl ein tristes Bild abgeben, wenn «nur» so viele Leute kommen wie in den vergangenen Jahren? Würde die legendäre Hammerstimmung von der Oberen Gegend «heruntergezügelt» werden können? Würde die Party auch mit Rauchverbot eine solche werden? Drängende Fragen also für die grünen Organisatoren, doch sie konnten allesamt nur rhetorischer Natur sein, denn das Faktum lag so oder so auf der Hand: Die Oldies-Disco muss aus dem «Rebstock» raus, wenn sie Bestand haben soll.

Schon seit Jahren schmierten die Pessimisten im OK die beweglichen Teile der Erfolgsguillotine. Doch dann kam der Lindesaal! Die Oldies und ihre Disco sind gerettet! Ein Hoch auf Flawils Investitionspolitik!

«Rebstock» ist vergessen

Wenn dieser Saal einmal im Jahr Sinn macht, dann hat er es am Samstag getan. «Voll» – dieses Schriftstück hing wohl noch nie an seiner gläsernen Eingangspforte.

Wer hätte das gedacht. Niemand hat geschnödet und ist aus Trotz nicht gekommen. Niemand hat – mit Verlaub – den «Rebstock» vermisst. Vergessen die drastische Platznot, vergessen der Kanossagang über Stock und Bein zur Toilette, vergessen auch das vergebliche Hinfahren eine Stunde vor Beginn, um dann fünf Minuten zu spät vor ausverkauftem Haus zu stehen.

Es gähnt nicht die Leere

Endlich gibt's Platz, und doch gähnt nicht die Leere. Endlich bekommt man innert 30 Sekunden einen Drink an der Bar. Endlich hat's genug Platz zum Ausruhen und gibt's kein Anstehen mehr vor der Damentoilette. Und endlich kann man – die dies nötig haben – aufrechten Gangs zum Abrauchen ins Freie gehen, ohne sich um erratisch zuckende Leiber vorbei zu schlaufen. Endlich am Sonntag keine blauen Flecken mehr sälbelen, welche es dann entgegen jeglicher bewusster Absicht dann doch da und dort gegeben haben wird. Denn mehr Platz verleitet zu raumgreifenderem Individualtanz, plötzlich entdeckt man an sich Körperteile, die auch noch bewegt werden können.

Guter alter Rock 'n' Roll

Zusammenfassend kann wohl ein Umstand, der zur unerwarteten Publikumsverdoppelung und damit erfolgreichen Umplatzierung einer in 15 Jahren etablierten Veranstaltung geführt hat, synoptisch deklariert werden: Die Musik.

Wenn um Mitternacht das Montreux-Casino brennt und darob der ganze Genfersee eingeräuchert wird, wenn nachts um Eins die Glocken der Hölle ertönen und 300 Menschen darob jubeln, wenn morgens um zwei Uhr der ganze Saal «Bye Bye» skandiert und dann glücklich nach Hause geht, dann hat das nichts mit Effekthascherei, Religion oder Massentrance zu tun. Sondern ganz einfach mit gutem alten Rock 'n' Roll. Michael Hug

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