Glocken einer heiligen Kuh

Um den Fluglärm ist es derzeit alles andere als still. Der Osten ist daran, sich Gehör zu verschaffen. Diese Woche trafen sich etliche Politiker – vom Gemeindepräsident über den Kantonsrat bis hin zur Nationalrätin – zu einer Podiumsveranstaltung im Wiler Stadtsaal.

Ursula Ammann
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St. Gallen - Ursula Ammann Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Ursula Ammann)

St. Gallen - Ursula Ammann Redaktion Wiler Zeitung (Bild: Ursula Ammann)

Um den Fluglärm ist es derzeit alles andere als still. Der Osten ist daran, sich Gehör zu verschaffen. Diese Woche trafen sich etliche Politiker – vom Gemeindepräsident über den Kantonsrat bis hin zur Nationalrätin – zu einer Podiumsveranstaltung im Wiler Stadtsaal. Sie teilen die Sorge, dass der Fluglärm im Osten immer mehr zunimmt– vor allem in den Nachtstunden – und sie rufen unisono nach einer gerechteren Verteilung. Man ist sich einig: Zu viel Lärm macht krank.

Das Thema Fluglärm wird in der politischen Landschaft noch lange nachhallen. Schnell verstummt ist hingegen der Protest gegen das nächtliche Glockengeläut der Wiler Stadtkirchen. Mit dem Anliegen, dieses während der Nacht abzustellen, stiessen SP und Grüne Prowil bei ihren Kollegen aus dem Wiler Stadtparlament mehrheitlich auf taube Ohren. Im neuen Immissionsschutzgesetz geniesst die Kirche damit weiterhin einen Sonderstatus. Während es auf Spielplätzen sowie in Gartenwirtschaften von 22 Uhr bis 7 Uhr still sein muss, gilt die Einhaltung der Ruhe- und Nachtzeit nicht für das Kirchengeläut und die Zeitschläge. Einer heiligen Kuh darf man nicht an die Glocken. Die Bewahrung christlicher Traditionen und Werte steht in solchen Diskussionen stets über dem Empfinden der Anwohner.

Abgesehen vom Zeitschlag, der seinen Ursprung im Mittelalter hat, als noch niemand eine Uhr besass, ist das Kirchengeläut unbestritten ein Symbol des christlichen Glaubens. Seit Jahrhunderten kündigen die Glocken Ereignisse an und läuten zu allen Tageszeiten zum Gebet. Allerdings rappelt sich der Normalbürger heute nicht mehr um 6 oder 7 Uhr aus dem Bett, Bad oder Bürostuhl auf, um zu beten.

Die Schulgemeinde Wil erlangte vor fünf Jahren mediale Aufmerksamkeit aufgrund einer besonderen Regel: Moslemische Schülerinnen erhielten die Ausnahmegenehmigung, ein Kopftuch zu tragen, wenn sie eine Bedingung erfüllen: das Beten. Es galt als Beweis dafür, dass es einer Person ernst ist mit ihrer Religion. Würde man die Beibehaltung des Rund-um-die-Uhr-Geläutes davon abhängig machen, dass die Kirchbürger zum Gebet niederknien, wenn die Glocken frühmorgens danach rufen, käme die Ruhe von allein.

ursula.ammann@wilerzeitung.ch