Gewerbe mangelt es an Lehrlingen: Der Uzwiler Gewerbepräsident über die Herausforderungen

Gewerbepräsident Rolf Raschle über Nachwuchsprobleme, Konjunktur und Arbeitsvergabe der öffentlichen Hand.

Interview: Philipp Stutz
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«In Uzwil herrscht eindeutig Nachholbedarf im Wohnungsbau», sagt Rolf Raschle.

«In Uzwil herrscht eindeutig Nachholbedarf im Wohnungsbau», sagt Rolf Raschle.

Bild: Philipp Stutz

Was erwartet Uzwils Gewerbe im Jahr 2020?

Rolf Raschle: Ich gehe von keinem grossen Umbruch aus, sondern erwarte stabile Verhältnisse.

Mit welchen Herausforderungen sehen sich Gewerbler konfrontiert?

Wir müssen à jour bleiben und uns auf sich verändernde Kundenbedürfnisse einstellen. Unsere Clientèle will schnell und gut informiert werden. In Zeiten des Internets hat sie ein Anrecht darauf.

Wo setzen Sie die Prioritäten?

Wir müssen untereinander ein Netzwerk pflegen und – wo dies möglich ist – zusammenarbeiten. Im gegenseitigen Austausch können beispielsweise personelle Fragen oder Probleme der IT geklärt und Lösungsansätze aufgezeigt werden.

Ist Networking in Zeiten der sozialen Medien noch nötig?

Persönlicher Kontakt und Social Media sind beide wichtig und ergänzen sich. Im Internet findet man Kontakt zu Leuten und Kunden, die einem nicht so nahestehen.

Wie steht es um den

beruflichen Nachwuchs?

Trotz steigender Maturitätsquote wird die Lehre noch immer als gutes Fundament wahrgenommen. Die Suche nach Auszubildenden ist aber schwieriger geworden, besonders in handwerklichen Berufen. Der Trend hin zu kaufmännischen Berufen und zum Detailhandel ist ausgeprägt, obwohl sich diese Sektoren in grossem Umbruch befinden. Aus diesem Grund wollen wir den Kontakt zu den Schulen pflegen. Die Begeisterung für Technik muss vermehrt geweckt werden.

Der Industrie fällt es offensichtlich leichter, Lehrlinge zu rekrutieren.

Industrie und Gewerbe sitzen im selben Boot. Auch die Bühler AG muss grosse Anstrengungen unternehmen, um beruflichen Nachwuchs für sich zu gewinnen. Ich bin ein Verfechter des dualen Bildungssystems und betrachte dieses als Erfolgsmodell. Damit wird auch die Ausbildung reguliert. Mit unserem System sind die Jugendlichen voll in die Arbeitswelt integriert.

Wie gestaltet sich das Verhältnis zur in Uzwil dominanten Industrie?

Die Industrie ist gut aufgestellt und dynamisch unterwegs. Grosse Firmen sind eher breiter abgestützt. Sie sind in der Arbeitgebervereinigung zusammengeschlossen, die eher global agiert, während das Gewerbe im Lokalen verwurzelt ist. Die Interessen sind zwar gleich, der Blickwinkel aber anders.

Wie steht es um den Branchenmix im Gewerbeverein?

Der Gewerbeverein zählt 155 Mitglieder, die aus verschiedenen Branchen stammen. Am besten vertreten sind Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe. Aber auch Gastrounternehmen und der Detailhandel sind bei uns Mitglied. Wir dürfen daher von einem guten Branchenmix sprechen.

Setzt sich der Verein bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen ausreichend ein? Beim Neubau des regionalen Seniorenzentrums Sonnmatt gab’s diesbezüglich Kritik.

Das ist ein schwieriges Thema. Die Arbeitsvergabe ist im öffentlichen Beschaffungswesen geregelt. Je grösser das Projekt, umso mehr Bewerber melden sich, da sind die Chancen für einen einheimischen Betrieb natürlich kleiner. Wir verfügen aber über ein wettbewerbsfähiges und leistungsfähiges Gewerbe. Wichtig ist, dass wir den Austausch mit der Gemeindebehörde pflegen.

Sollte sich der Gewerbe-­verein vermehrt politisch engagieren?

Unsere Stossrichtung ist klar: Wir wollen möglichst wenig Einschränkungen, und der administrative Aufwand muss vermindert werden. Mit zunehmendem Kontrollwahn bestraft man jene Betriebe, die ihre Aufgaben ohnehin gut erfüllen. Das politische Umfeld hat sich verändert – zwei gegensätzliche Pole dominieren. Wir bewegen uns in der bürgerlichen Mitte bis hin zum eher konservativen Bereich.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Wirtschaftslage?

Die Konjunktur ist noch immer gut, doch ist alles hektischer und nervöser geworden. Die Geld- und Investitionspolitik ist entscheidend. In Uzwil herrscht eindeutig Nachholbedarf im Wohnungsbau. Die Bevölkerungsdichte wird dadurch steigen und das Zentrum beleben.

Was halten Sie vom Grossprojekt Wil West?

Grundsätzlich ist dies ein Vorhaben mit Ausstrahlungskraft. Wil West ist als Generationenprojekt zu verstehen. Visionen haben durchaus ihre Berechtigung. Ich glaube aber ­nicht, dass wir hier im Osten Wils zu kurz kommen.

Ist eine Wiederauflage der Regionalen Industrie- und Gewerbeausstellung (Riga) denkbar?

Die Organisation eines solchen Grossanlasses ist mit viel Aufwand verbunden. Ich denke, dass dies nächstes Jahr von den beteiligten Gewerbevereinen Uzwil, Oberuzwil und Oberbüren diskutiert wird. In den Folgejahren könnte eine neue Ausstellung konkreter werden.

Zur Person

Rolf Raschle ist seit 2018 Präsident des Gewerbevereins Uzwil, wo er die Nachfolge von Markus Mahler antrat. Er ist Geschäftsführer der Etavis Grossenbacher AG mit Filialen in Flawil, Uzwil, Zuzwil und Wil. Der 42-Jährige ist in Bichwil wohnhaft. Während Jahren hat er im Vorstand des Geschäftszentrums Uzwil (GZU) mitgewirkt und war OK-Präsident des Herbstmarkts, der Jahr für Jahr Tausende von Besuchern anlockt. (stu)