GEWERBE: Einkaufen an Ort wieder gefragt

Der Unternehmer und CVP-Kantonsrat Ernst Dobler glaubt an einen Gegentrend zu den Fachmärkten und an die Renaissance kleiner Läden in Ortszentren. Er hofft aber auch auf mehr Engagement des Einzelnen.

Philipp Stutz
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Ernst Dobler: «Jeder mündige Bürger, insbesondere Unternehmer, sollte sich politisch engagieren.» (Bild: Philipp Stutz)

Ernst Dobler: «Jeder mündige Bürger, insbesondere Unternehmer, sollte sich politisch engagieren.» (Bild: Philipp Stutz)

Philipp Stutz

philipp.stutz@wilerzeitung.ch

Einkaufstourismus und Onlinehandel zählen laut Ernst Dobler, Präsident des Gewerbevereins Oberuzwil, zu den Herausforderungen der Gewerbebetriebe. Er will sich für gute Rahmenbedingungen einsetzen.

Ernst Dobler, Sie sind seit 22 Jahren Präsident des Gewerbevereins Oberuzwil. Was hat sich während dieser langen Zeit verändert?

Während sich Handwerk und Produktionsbetriebe behaupten konnten, wurde der Aderlass im Detailhandel durch kleinere und mittlere Dienstleister mit neuen Branchen wie zum Beispiel Informationstechnologie (IT) oder im Gesundheitswesen kompensiert. Vor 22 Jahren konnte man sein Brot noch nicht als Webdesigner verdienen.

Worin liegt der Sinn des Gewerbevereins?

Förderung des gemeinsamen Wohls, solidarische Wahrung und Vertretung der gemeinsamen Interessen gegenüber Behörden, Öffentlichkeit und anderen Institutionen des privaten und öffentlichen Rechts. So steht’s in den bald vierzigjährigen Statuten. Den ersten Punkt kann man heute mit dem Begriff «Networking» beschreiben.

Als Präsident des Gewerbevereins erleben Sie bestimmt auch, dass einige Betriebe ums Überleben kämpfen müssen.

Dieser Überlebenskampf kann durch den Strukturwandel in einer ganzen Branche verursacht werden oder individuelle Gründe haben.

Hat der Gewerbeverein Möglichkeiten, hier einzugreifen?

Dem Verein stehen keine Mittel zur Verfügung, um Hilfe zu leisten. Wir können keine Überbrückungsdarlehen gewähren, hingegen Ratschläge aus unserem Erfahrungsschatz erteilen.

Heute ist viel von regionaler Vernetzung die Rede. Ist das Wunschdenken oder findet der Austausch unter Gewerblern der Region Wil tatsächlich statt?

Unter Vorstandsmitgliedern findet jährlich ein regionales Treffen statt. Ebenso trifft man sich bei Anlässen des Kantonalverbandes. Je nach Branche sind die Märkte lokal, regional bis international und entsprechend auch die Vernetzung.

Was unterscheidet den lokalen Gewerbeverein vom kantonalen Gewerbeverband?

Der lokale Gewerbeverein ist eine Sektion des Kantonalverbandes und unterscheidet sich vor allem durch das Budget und die Professionalität. Ohne lokale Gewerbevereine und Berufsverbände gäbe es keine Dachorganisation. Der Kantonalverband ist auch Dienstleister für die Vereine und deren Mitglieder. Sei es im politischen Engagement auf kantonaler Ebene, bei der Durchführung von Lehrabschlussprüfungen oder im Bereich der Ausgleichs- und Pensionskassen.

Wieweit ist das Gewerbe vom Einkaufstourismus tangiert?

Der Einkaufstourismus bildet vor allem für den grenznahen Detailhandel eine grosse Herausforderung. Es hat ihn aber schon immer gegeben, zum Teil auch mit umgekehrten Vorzeichen. Ich denke da an den «Benzintourismus». Konstanz lebte von jeher von den Schweizer Konsumenten und schlitterte während der Grenzschliessungen des Zweiten Weltkriegs in eine veritable Krise. Natürlich ist die Wechselkurssituation deutlich aus dem Ruder gelaufen. Insofern wäre es wichtig, dass bei der Einfuhr wenigstens die Mehrwertsteuer korrekt erhoben würde.

Und wie steht es um den Onlinehandel?

Der Onlinehandel wird grössere Umwälzungen nach sich ziehen, die ich persönlich noch nicht einordnen kann. Vielleicht birgt er auch neue Chancen, um beispielsweise lokale gewerbliche Produkte und Dienstleistungen über die Region hinaus anbieten zu können.

Wie bewerten Sie die Submissionsverfahren?

Es kommt auf die Sichtweise an. Der Ortsansässige pocht vielleicht zu Recht auf einen gewissen Bonus, weil er am Ort Arbeitsplätze anbietet und sich sogar freiwillig fürs Gemeinwohl engagiert. Der Auswärtige, vor hundert Jahren war dies der Flawiler, heute der Süddeutsche und morgen der Chinese, pocht auf nicht diskriminierenden Marktzutritt. Die Ostschweizer Exportunternehmen, allen voran Bühler und Stadler Rail, sind ebenfalls darauf angewiesen, im Ausland nicht behindert zu werden. Wichtig ist, dass die Vergabebehörden mit den Kompetenzen, die im Rahmen der übergeordneten Gesetzgebung gegeben sind, verantwortungsvoll umgehen.

In Dörfern und Städten der Region ist ein Lädelisterben in den Zentren feststellbar. Anderseits siedeln sich Fachmärkte an der Peripherie an.

Die Entwicklung ging tatsächlich in den vergangenen rund 30 Jahren in diese Richtung. Jetzt ist aber ein Gegentrend auszumachen. Es sind wieder Einkaufsmöglichkeiten in den Ortszentren gefragt, um spontan beim Vorbeigehen noch kurz einkaufen zu können. Ich glaube eher, die Tage der Fachmärkte sind gezählt.

Die Regionale Wirtschaftsmesse Wil-Uzwil-Flawil Wufa ist gescheitert. Wo sehen Sie die Gründe?

Im Gegensatz zur Regionalen Gewerbe- und Industrieausstellung (Riga), die aus der Mitte des Gewerbes mit viel Herzblut und Engagement organisiert wird, war die Wufa eine kommerzielle Messe mit privaten Veranstaltern. Vielleicht hatte sie auch eine nicht optimale Grösse zwischen lokaler Gewerbeausstellung und national ausgerichteter Olma.

Wie steht es um den Nachwuchs in den gewerblichen Berufen?

Es gibt zum Teil sicher Nachwuchsprobleme. Je nach Wirtschaftslage kann sich das aber schnell wieder ändern. Wir finden in unserem Betrieb immer Lehrlinge, die auch nach ihrer Ausbildung bei uns weiterarbeiten. Auch jüngere Mitarbeiter finden ihre Erfüllung in einem handwerklichen Beruf und verabschieden sich nicht gleich in eine Bürotätigkeit oder Weiterbildung. Das hat viel mit Wertschätzung zu tun, welche Arbeitgeber und Kunden ihnen entgegenbringen.

Sollte sich das Gewerbe vermehrt auf politischer Ebene engagieren?

Jeder mündige Bürger, insbesondere Unternehmer, sollte sich politisch engagieren und mindestens vom passiven Stimm- und Wahlrecht Gebrauch machen.

In welche Richtung soll dieses Engagement gehen?

Gewerbepolitiker sollten sich für gute Rahmenbedingungen einsetzen: intakte Infrastruktur, ­gutes Bildungssystem, Rechtssicherheit und ein soziales Auffangnetz, das nicht zu einer Hängematte verkommt. Wir sind leider zu einer Mess-, Prüf- und Dokumentiergesellschaft geworden, die uns nur eine Scheinsicherheit beschert, viel kostet und keinen Mehrwert bringt.

Sie führen ein Unternehmen, präsidieren den Gewerbeverein und sind Mitglied des Kantonsrats. Bleibt da noch genug Freizeit?

Ich tanze schon auf verschiedenen Hochzeiten. Zuwenig Zeit bleibt definitiv für Freizeitaktivitäten und Familie. Das Mandat als Kantonsrat gibt mir aber die Möglichkeit, mich fürs Gewerbe zu engagieren. Ob dieser Einsatz genügend ist, sollen andere beurteilen.