Gewaltmarsch auf den Gipfel

Thurgauer Sekundarschüler sind gefordert: Sie sollen ihre persönlichen Grenzen kennenlernen und über sich hinauswachsen. Für Jugendliche mit schwacher Konstitution können die Schulexkursionen heikel sein.

Inge Staub
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TOBEL. Der eine kämpfte gegen die Müdigkeit an, dem anderen schmerzten die Beine: So mancher der 48 Siebtklässler der Sekundarschule Affeltrangen kam letzte Woche an seine Grenze. Das war so gewollt. Unter dem Aspekt, die persönlichen Grenzen zu erfahren, sind Lehrer, Schüler und zehn Mütter und Väter aufgebrochen, um eine ganze Nacht lang zu wandern. Von abends sechs Uhr bis morgen sechs Uhr war die Gruppe unterwegs. Der Weg führte über Braunau nach Bischofszell und von dort aus der Thur entlang nach Weinfelden. Von den 48 Schülern gaben drei vor dem Ziel auf. Sie wurden zur Schule zurückgefahren.

Pausen am Lagerfeuer

«Die Schülerinnen und Schüler werden nicht genötigt weiterzugehen, wenn sie nicht mehr können. Die Lehrer prüfen, was machbar ist», zerstreut Roger Holenstein, Präsident der Sekundarschulgemeinde Affeltrangen, Bedenken, dass die Jugendlichen überfordert gewesen wären. «Es geht in erster Linie darum, dass die Schüler und Schülerinnen gemeinsam ein Ziel erreichen und dass sie sich gegenseitig unterstützen», betont Holenstein. Viele würden beispielsweise erstmals den Wald bei Nacht erleben oder Suppe essen am Lagerfeuer. Bei den meisten Eltern würden solche Angebote auf positive Resonanz stossen.

Auch bei der Sekundarschule Tobel, die ebenfalls zur Sekundarschule Affeltrangen gehört, stand dieser Tage Grenzerfahrung auf dem Stundenplan. In drei Tagen wanderten die ersten Klassen auf den Säntis. Mit dem Rucksack auf dem Rücken legten die 39 Schülerinnen und Schüler dabei 87 Kilometer zurück.

Schon am ersten Tag wurde den Schülern bewusst, dass die Wanderung kein Zuckerschlecken werden würde. «Schultern und Rücken schmerzten, die Füsse brannten und erste Blasenpflaster wurden aufgeklebt.» Dennoch, so Lehrer Thomas Beier, sei die Wanderung auf den Säntis von der körperlichen Belastung her nicht übertrieben gewesen.

Viele der Schüler hätten sich in den ersten sechs Schuljahren nie durchbeissen müssen. Erstmals hätten sie nun etwas zu Ende gebracht. Psychologisch habe die Exkursion den Effekt, dass die Schüler die Gewissheit haben, dass sie auch anderes schaffen können.

Matthias Schmelzle, Ärztlicher Leiter Zentrum für Kind.Jugend.Familie in Frauenfeld, begrüsst es, dass sich die Schulen trauen, Jugendlichen zu ermöglichen, besondere Erfahrungen zu machen. Doch gibt der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie zu bedenken, dass die Lehrerinnen und Lehrer aufpassen müssten, dass für diejenigen, die von ihrer Konstitution her die geforderte Leistung nicht bringen können, der Druck nicht zu gross werde. Die Exkursionen könnten für die schwachen Teilnehmer im Einzelfall zu traumatischen Erfahrungen werden. «Hier ist das Fingerspitzengefühl der Lehrer gefragt.»

Es spricht nichts dagegen

Aus Sicht von Walter Berger, Chef des Amtes für Volksschule beim Kanton Thurgau, spricht nichts dagegen, dass die Schulen besondere Wanderungen durchführen: «Die Schule bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen, die sonst nicht möglich sind, weil in vielen Familien keine Naturerlebnisse mehr stattfinden.» Wichtig sei, dass die Schulen die nötigen Sicherheitsvorkehrungen treffen würden.