Gewalt gegen Kinder ist an der Tagesordnung: «Privatsphäre wird höher gewichtet als der Schutz der Kinder»

Erschreckend viele Kinder erleben regelmässig Gewalt. Trotzdem wird nur selten darüber gesprochen.

Interview: Gianni Amstutz
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Kinder Missbrauch

Kinder Missbrauch

Bild: Gerhard Seybert / Fotolia

Eigentlich hätten in Wil in diesen Wochen Präventionsparcours zum Thema «Gewalt an Kindern» stattfinden sollen. Die Schulschliessungen aufgrund des Coronavirus machten diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung. Ob und wann die Präventionstage nachgeholt werden, ist derzeit noch offen. Anna Mähr, Fachmitarbeiterin Weiterbildung und Prävention beim Kinderschutzzentrum St.Gallen, erklärt, warum Prävention wichtig ist.

Über Gewalt an Kindern wird nicht viel gesprochen. Ist das Teil des Problems?

Anna Mähr: Ja, das ist so. Es wird oft als Familienthema wahrgenommen und in der Gesellschaft herrscht das Gefühl, sich hier nicht einmischen zu dürfen. Die Privatsphäre wird höher gewichtet als der Schutz der Kinder. Das Problem liegt aber auch in der Gesetzgebung.

Inwiefern?

Der Gesetzestext ist zu schwammig formuliert. Es heisst, dass erst wiederholte Tätlichkeiten strafbar sind. Das lässt einiges an Spielraum offen und trägt auch dazu bei, dass Gewalt in der Schweiz oft immer noch Teil der Erziehung ist.

Anna Mähr, Fachmitarbeiterin Weiterbildung und Prävention beim Kinderschutzzentrum St.Gallen, sagt: «Täter sind oft sozial gut integrierte Personen.»

Anna Mähr, Fachmitarbeiterin Weiterbildung und Prävention beim Kinderschutzzentrum St.Gallen, sagt: «Täter sind oft sozial gut integrierte Personen.»

Bild: Gianni Amstutz

Mit welchen Auswirkungen?

Wird jemand als Kind oft geschlagen, hinterlässt das psychische Spuren und gefährdet Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung. Ausserdem wird die Erfahrung, Gewalt als Lösung in der Erziehung einzusetzen, später oft weitergegeben.

Wie viele Kinder sind davon betroffen?

Rund die Hälfte der Eltern wendet selten Körperstrafen an, zehn Prozent tun das regelmässig. Zudem wird jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder siebte bis zehnte Junge sexuell ausgebeutet.

Das sind erschreckend hohe Zahlen. Weshalb hört man in den Medien trotzdem so selten davon?

Für Schlagzeilen sorgen vor allem Fälle, bei denen es zu einer Strafanzeige kommt. Das ist jedoch längst nicht bei allen Übergriffen der Fall.

Wieso nicht?

Die Täter stammen – besonders bei Kindern – oft aus dem familiären Umfeld. Die Strukturen innerhalb der Familie können eine Anzeige manchmal verhindern. Hinzu kommt das Problem der Beweisbarkeit der Taten.

Die Me-Too-Debatte hat auch gezeigt, dass Opfer sexueller Gewalt oft erst spät oder gar nie darüber sprechen. Weshalb ist das so?

Kinder haben Angst, dass sich ihre Situation durch eine Aussage noch weiter verschlimmern könnte. Manchmal werden ihnen folgenschwere Konsequenzen vom Täter oder der Täterin angedroht. Andere schweigen, weil sie sich schämen und sich selbst eine Mitschuld an der Tat geben.

Wird das von der Gesellschaft gefördert?

Ja, das ist auf jeden Fall so. Wenn jemandem etwas geklaut wird, würde niemand fragen, ob das Opfer eine Mitschuld hat. Bei sexuellen Übergriffen, vor allem im Jugend- und Erwachsenenalter, ist das aber häufig der Fall. Sätze wie: «Das kommt im Ausgang halt vor» oder «Wenn sich eine Frau so anzieht, muss sie damit rechnen» hört man leider immer wieder. Die Scham und der Gedanke, dass einem niemand glaubt oder man selbst schuld daran ist, existieren bereits bei Kindern.

Erzählen die Opfer denn gar niemandem von ihren Erlebnissen?

Nur etwa die Hälfte der Kinder oder Jugendlichen macht das. Ein Grossteil davon wendet sich aber an gleichaltrige Kollegen. Die sind mit der Situation meistens auch überfordert. Nur wenige kontaktieren Lehrkräfte, Fachstellen oder die Polizei.

Wer sind bei sexueller Gewalt an Kindern in der Regel die Täter?

Etwas überspitzt gesagt ist es praktisch nie der Fremde mit seinem Lieferwagen, sondern Personen aus dem Familienumfeld. Gerade in jungen Jahren sind es oft die Stiefväter, Väter oder andere Personen aus dem Bekanntenkreis der Familie. Zwischen 12 und 17 Jahren verschiebt sich das dann stärker zu Gleichaltrigen und Fremden.

Gibt es spezifische Eigenschaften der Täter?

Eben nicht. Man sieht oder merkt es den Tätern nicht an. Im Gegenteil: Es sind oft normale, sozial gut integrierte oder angesehene Persönlichkeiten, die über alle Kulturen, sozialen Schichten, Religionen und Altersgruppen verteilt sind.

Was können die Präventionskurse, die vom Kinderschutzzentrum St.Gallen durchgeführt werden, zur Lösung des Problems beitragen?

Wir versuchen, die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, damit sie ihre Gefühle ernst nehmen und auch äussern. Ausserdem sollen sie erkennen, dass sie das Recht haben, auch gegenüber Erwachsenen Nein zu sagen. Zudem bringen wir ihnen den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen bei. Wir ermutigen die Kinder, ungute Gefühle mit einer Vertrauensperson zu teilen.

Mit welchem Ziel?

Gerade das Gefühl, etwas nicht weitererzählen zu dürfen, weil es ein Geheimnis ist, ist bei sexuellem Missbrauch ein grosses Problem. Alle diese Inhalte werden auf spielerische und kindgerechte Weise vermittelt.

Wirken solche Präventionskurse nachhaltig?

Ja, eine Studie der Universität Fribourg hat die Wirksamkeit der Präventionskampagne bewiesen. Dass dies gelingt, hat auch damit zu tun, dass wir auch die Eltern einbeziehen.

Ist das nicht ein zweischneidiges Schwert. Schliesslich sind Eltern ja auch potenzielle Täter.

Wir sind uns bewusst, dass an Elternveranstaltungen auch Täter im Publikum sitzen können. Das ändert aber nichts an unserer Aufgabe. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Eltern das Beste für ihr Kind wollen. Sie sind deshalb unsere wichtigsten Partner in der Beziehungsarbeit, da sie ihre Kinder am besten kennen.

Was können denn Eltern konkret tun?

Es geht hier um kleine, vielleicht sogar banal scheinende Massnahmen. Wichtig ist, dass sie ihr Kind im Alltag darin bestärken, dass es Grenzen setzen darf.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Im Alltag gibt es viele kleine Grenzüberschreitungen. Ein klassisches Beispiel ist der Schmatzer vom Grosi. Manche Kinder mögen das irgendwann nicht mehr. Anstatt das Kind dazu zu bewegen, unerwünschte Küsse zuzulassen, sollten Eltern den Entscheid des Kindes akzeptieren und stützen.

Wie hilft das?

Das Kind merkt dann, dass die Eltern es ernst nehmen, es über solche Situationen sprechen kann und lernt, dass es Nein sagen darf, wenn ihm eine Situation unangenehm ist. Diese Erfahrung würde es dann verinnerlicht haben, wenn es zu einer schwerwiegenderen Grenzüberschreitung kommt.

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