Ein Besuch mit Zündstoff: Gesundheitschefin Heidi Hanselmann wagt sich nach Flawil – dessen Spital vor der Schliessung steht

Auf Einladung der SP Wil-Untertoggenburg referierte Heidi Hanselmann in Flawil. Was halten ihre Parteigenossinnen und -genossen aus der Region von der Spitalstrategie?

Tobias Söldi
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Nachdem die SP Wil-Untertoggenburg die Kandidatinnen und Kandidaten für den Kantonsrat bekannt gab, trat Regierungsrätin Heidi Hanselmann ans Rednerpult. (Bild: Tobias Söldi)

Nachdem die SP Wil-Untertoggenburg die Kandidatinnen und Kandidaten für den Kantonsrat bekannt gab, trat Regierungsrätin Heidi Hanselmann ans Rednerpult. (Bild: Tobias Söldi)

Die Konstellation bot einiges an Zündstoff: Am Donnerstagabend sprach Gesundheitschefin Heidi Hanselmann an der Nominationsveranstaltung der SP Wahlkreis Wil-Untertoggenburg. Just einen Tag, nachdem die Regierung ihre umstrittene Spitalstrategie veröffentlicht hatte. Und just an einem der Standorte – Flawil – dessen Spital von einer Schliessung beziehungsweise einer Umwandlung in ein «Gesundheits- und Notfallzentrum» betroffen ist.

Die versammelte lokale SP-Prominenz – von der Uzwiler Jungpolitikerin Anna Miotto bis zum Flawiler Urgestein Daniel Baumgartner – musste sich zunächst aber etwas gedulden. Hanselmann trat mit einer Verspätung von eineinhalb Stunden ans Rednerpult im Kulturpunkt. Ein Schelm, wer nun denkt, dieser Umstand zeuge von einem Unwillen zur Konfrontation in einem heiklen Thema. Schuld für die Verspätung trägt vielmehr der ÖV: Auf dem Weg von der Konferenz der Gesundheitsdirektoren in Bern nach Flawil strandete Hanselmann in Aarau.

Erschlagen von der Fülle an Informationen

Es hätte also heiss zu und hergehen können. Hätte. Denn die Genossinnen und Genossen gaben sich überraschend handzahm. Regionalpartei-Präsident Raffael Sarbachs Ermahnung, «sachlich und anständig, und nicht hitzig» zu diskutieren, «trotz der Emotionalität des Themas», erwies sich als gänzlich unnötig.

Selbst Kantonsratspräsident Daniel Baumgartner, der sich sonst gerne pointiert zu Wort meldet, hielt sich zurück. Und das, obwohl er nur einen Tag zuvor einen Leserbrief an diese Zeitung sandte, in dem er seinem Unmut über die Spitalstrategie und besonders die Schliessung des Spitals Flawil Luft machte:

«Die Region aussaugen und im Zentrum zusätzlich ausbauen? Das geht gar nicht.»

An der Nominationsveranstaltung hingegen meldete er sich nicht zu Wort – zumindest nicht während des offiziellen Teils des Abends. Und Mitunterzeichner Peter Hartmann, SP-Kantonsrat aus Flawil, war gar nicht vor Ort. Er kandidiert übrigens nicht mehr für den Kantonsrat.

Vielleicht waren die Anwesenden auch schlicht erschlagen von der Dichte des Hanselmannschen Referats – und mehr damit beschäftigt, den Ausführungen zu folgen, als sich Gedanken über die Zukunft des Spitals Flawil zu machen. Hanselmann arbeitete sich an der Komplexität des Gesundheitswesens ab, sprach über die verschiedenen Akteure und Interessen, die mitspielten, über die Mechanismen, die zur Kostensteigerung führten und über Finanzierungsfragen.

«Das Gesundheitswesen ist ein filigranes Netzwerk. Zieht man irgendwo an einem Faden, geht an einem anderen Ort eine Masche zu. Man muss nur zusehen, dass die richtige Masche zugeht.»

Aufgrund dieser Abhängigkeiten sei die Arbeit im Gesundheitswesen sehr komplex.

Kritische Stimmen an der Bar

Friede, Freude, Eierkuchen also unter den Genossinnen und Genossen? Nicht ganz. Für kritische Stimmen und persönlichen Meinungen zur Spitalstrategie musste man genauer hinhören. Die Bar im Kulturpunkt war dafür der beliebtere Ort als die Sitzreihen. Da äusserte etwa eine Parteigenossin aus Uzwil Unverständnis darüber, dass das Spital Wattwil geschlossen wird, während jenes in Wil sogar ausgebaut werden soll – dies vor dem Hintergrund des erst 2018 eröffneten neuen Bettentraktes in Wattwil.

Andere wiederum brachten Verständnis auf für den Schritt. Dass man etwas unternehmen muss, um der Kostenexplosion zu begegnen, war für viele selbstverständlich – auch wenn das mancherorts unliebsame Entscheidungen bedeutete. In dieser Hinsicht galt denn, was ein Parteigenosse feststellte: «Die Basis tickt manchmal anders als die Parteileitung.» Für die kantonale SP war der Entscheid der Regierung eine «Spital-Abbruchstrategie».

Die Bereitschaft in anderen Kantonen fehlt

Unverständlich hingegen ist einigen der Alleingang des Kantons St.Gallen. Warum gibt es keine übergreifende Spitalstrategie, welche auch die Situation in den umliegenden Kantonen berücksichtigt? Heidi Hanselmann äusserte sich resigniert:

«Wir haben schon unzählige Versuche gestartet, mit anderen Kantonen zusammenzuarbeiten.»

Diskussionen mit dem Kanton Zürich oder dem Fürstentum Lichtenstein seien letzten Endes aber leider immer gescheitert. «Es braucht stets ein Gegenüber, das offen ist für eine Zusammenarbeit.»

Die Kandidierenden

Die SP Wahlkreis Wil-Untertoggenburg nominierte am Donnerstagabend folgende Personen für den Kantonsrat:
Silvia Amman Schläpfer (Wil), Ruedi Baumann (Degersheim), Daniel Baumgartner (bisher, Flawil), Anja Bernet-Hilber (Bronschhofen), Roland Bischof (Oberuzwil), Laya Bolt (Wil), Arber Bullakaj (Wil), Cécile Casado-Schneider (Flawil), Susanne Gähwiler (Wil), Noah Gisler (Bronschhofen), 
Christof Kälin (Bronschhofen), Michel Ketterle (Wil), Flurina Lüchinger (Flawil), Anna Ladina Miotto (Uzwil), Timo Räbsamen (Wil), Raffael Sarbach (Zuzwil), Jan Schläpfer (Wil), Dario Sulzer (bisher, Wil) 
Die Gesamterneuerung Kantons- und Regierungsratswahlen finden am Sonntag, 8. März 2020 statt.