Gespräch in einem gepflegten Restaurant

Gespräch in einem gepflegten Restaurant «Schade», sagt ein kurz vor der Pensionierung stehender Herr. Er sitzt mit einem um vielleicht zwanzig Jahre jüngeren Mann in einem gepflegten Restaurant am Tisch, in Erwartung des bestellten Abendessens.

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«Schade», sagt ein kurz vor der Pensionierung stehender Herr. Er sitzt mit einem um vielleicht zwanzig Jahre jüngeren Mann in einem gepflegten Restaurant am Tisch, in Erwartung des bestellten Abendessens. «Ich kann nicht verstehen, weshalb der Eigenmietwert nicht endlich abgeschafft wird», fährt er sichtlich enttäuscht fort. «Weil es ungerecht wäre», entgegnet der Jüngere. «Wie bitte, ungerecht?», staunt der Ältere. «Ja, die Besitzer von Wohneigentum sind vermögender als die anderen. Also sollen sie nicht bevorzugt werden.» Der ältere Herr schüttelt entmutigt den Kopf, bedankt sich aber gleichsam bei der Bedienung für das aufgetragene Mahl. Gebratene Felchenfilets auf Kürbispüree mit saisonaler Gemüsebeilage. Das günstigste Gericht in der Karte. Sein Gegenüber bekommt rosa gebratene Rehschnitzel auf Eierschwämmchen mit caramelisierten Marroni, Spätzli, Rotkraut und Herbstfrüchten. Das zweitteuerste Gericht in der Karte. «Schau», sagte der Ältere zum Jüngeren, als sie mit einem Glas «Esporâo» anstossen, einem Geheimtip aus der Region Alentejo in Portugal. «Schau, der Eigenheimbesitzer spart ein ganzes Leben lang. Andere geben das Geld derweil für Autos, Ferien, Mode und all die schönen Dinge des Lebens aus.» Er richtet sich auf: «Und am Ende, wenn dem Durchschnittsbürger das Pflegeheim vom Staat finanziert wird, muss der Eigenheimbesitzer mit seinem Ersparten bezahlen. Ist das gerecht?» Der Jüngere schweigt. Und lässt am Schluss sein Gegenüber die Rechnung begleichen.

Hans Suter

hans.suter@wilerzeitung.ch