Geschützte Buche soll gefällt werden: Jetzt wehrt sich der Naturschutz

Die unter Schutz stehende Blutbuche auf dem Grundstück Wilerstrasse 82 in Flawil soll einer Überbauung weichen. Der Naturschutzverein Flawil und Umgebung wehrt sich: Der Parkbaum soll erhalten oder verpflanzt werden.

Andrea Häusler
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Knapp dreieinhalb Meter misst der Stammumfang der Blutbuche, die – laut Planung – im Zufahrtsbereich der künftigen Tiefgarage steht, haben Markus Graber (links) und Silja Marano festgestellt. (Bild: Andrea Häusler)

Knapp dreieinhalb Meter misst der Stammumfang der Blutbuche, die – laut Planung – im Zufahrtsbereich der künftigen Tiefgarage steht, haben Markus Graber (links) und Silja Marano festgestellt. (Bild: Andrea Häusler)

«Eine 100-jährige Buche trägt rund 600000 Blätter auf 1200 Quadratmetern, produziert jährlich 4,5 Tonnen Sauerstoff, filtert sechs Tonnen Kohlendioxid sowie eine Tonne Feinstaub aus der Luft. Dafür verdunstet sie täglich 400 Liter Wasser. Um diese Leistungen zu kompensieren, bräuchte es 2000 Jungbäume mit einem Kronenvolumen von je 1,5 Kubikmetern.» Die Zahlen stammen vom österreichischen Naturbeobachter Konrad Amber. Auf diese stützt sich unter anderem der Naturschutzverein Flawil und Umgebung, wenn dessen Präsidentin, Silja Marano, sagt: «Die Blutbuche an der Wilerstrasse 82 ist nicht 100, sondern 150 Jahre alt. Sie in ihrem ökologischen Wert zu ersetzen, bedürfte weit mehr als eines einzigen Jungbaums – eines Ersatzes, der dann durch Rückschnitte klein gehalten wird.» Grundsätzlich, merkt sie an, sollten «Ersatzpflanzungen» lange vor dem möglichen Verlust eines geschützten Baumes erfolgen, um den Jungpflanzen einen Wachstumsvorsprung zu geben.

Verdichtung ja, aber nicht um jeden Preis

Silja Marano und Vorstandskollege Markus Graber lehnen am Stamm der mächtigen Blutbuche und Blicken zur laubfreien Krone. «Der Baum kann sich nicht wehren», sagt Marano. Deshalb habe der Verein, im Rahmen des Mitwirkungsverfahrens zum Sondernutzungsplan Wilerstrasse 82, interveniert und eine Überarbeitung des Projekts unter Einbezug des Baums verlangt.

Auf dem 4200 Quadratmeter grossen Grundstück ist der Bau zweier viergeschossigen Häuser mit zwanzig Wohnungen geplant. «Natürlich entspricht die Innere Verdichtung dem Grundsatz des Raumplanungsgesetzes nach einer haushälterischen Nutzung des Bodens. Dafür haben wir auch Verständnis», macht Markus Graber klar. Nur dürfe diese nicht um jeden Preis stattfinden: «Freiräume sind wichtig, gerade im Siedlungsgebiet.» Der Umsetzung der Schutzverordnung Priorität zu geben und dafür eine reduzierte Verdichtung in Kauf zu nehmen, sei im konkreten Fall vertretbar. Umso mehr, als mittelfristig genügend Flächen für zentral gelegenen Wohnraum verfügbar sei, betont Graber und verweist auf das Flawa- und das Industrieareal neben der Villa an der Wilerstrasse.

Verpflanzung nach dem Muster von Schlieren

Alternativ könnten sich die Naturschützer auch eine Verpflanzung der Buche vorstellen. Allenfalls an den für den Ersatzbaum vorgesehenen Platz. Dass das funktionieren kann, zeigt das Beispiel von Schlieren, wo eine Rotbuche der Limmattalbahn weichen sollte und Quartierbewohner erfolgreich für deren Rettung gekämpft hatten. Das war vor gut einem Jahr. Der 100-Tonnen-Baum war mit zwei Kranen versetzt worden. Posten: rund 160000 Franken.

Aufgerechnet auf die Zahl der in Flawil geplanten Wohneinheiten, entspräche dies einem Mehraufwand von rund 8000 Franken pro Wohnung. Dass solche Mehrkosten der Bauherrschaft alles andere als zupasskämen, liegt auf der Hand. «Nur wusste diese vor dem Erwerb des Areals um den Schutz der Linde, besagter Blutbuche sowie der Villa, deren Abbruch nur dank der Intervention des Heimatschutzes abgewendet werden konnte», macht Graber klar. Die Eingabe des Naturschutzvereins im Mitwirkungsverfahrens ist eine von dreien. Nach dem Entscheid des Gemeinderats wird der Sondernutzungsplan erlassen und öffentlich aufgelegt.