Gepflegte stehen im Mittelpunkt

Eingebettet in die im Zwinglisaal gastierende Wanderausstellung zum Thema Palliative Care hat Referent Daniel Büche am Donnerstagabend die Unterschiede und Übereinstimmungen von Hospiz-Tradition und Palliative Care aufgezeigt.

Christine Gregorin
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Referent Daniel Büche, Arzt am Palliativzentrum St. Gallen, sieht Hospiz-Tradition und Palliative Care als wertvolle Ergänzung zur Spitalmedizin. (Bild: cg.)

Referent Daniel Büche, Arzt am Palliativzentrum St. Gallen, sieht Hospiz-Tradition und Palliative Care als wertvolle Ergänzung zur Spitalmedizin. (Bild: cg.)

FLAWIL. «Trotz unseres hohen Wohlstands und erstklassiger Medizin geht jedes Leben einmal zu Ende», konstatierte Gemeinderat Erich Baumann in seiner Begrüssung. Im Zuge dieser irdischen Vergänglichkeit wandle sich Wohlstand bisweilen in Wohlfahrt. Dazu brauche es allerdings Menschen mit einer gehörigen Portion Demut sowie einer positiven ethischen Grundhaltung. Um geeignete Personen finden zu können, müssten aber zuerst die weitverbreiteten Berührungsängste zu dieser oftmals tabuisierten Thematik abgebaut werden. Aufmerksamkeit erregen, Interesse wecken, zum Nachdenken bringen und so zur Mithilfe animieren, plazierte Baumann entsprechend seine vier diesbezüglichen Wünsche.

«Hospitium» gleich Herberge

Die Hospiz-Tradition hat ihren Ursprung im christlichen Glauben. Dem Beispiel der Samariter folgend, haben sich über Jahrtausende hinweg immer wieder Exponenten für Kranke und Bedürftige eingesetzt, diese bei sich aufgenommen und so gelebte Gastfreundschaft praktiziert. Zahlreiche Hospize entlang ehemaliger Pilgerwege zeugen noch heute davon. Der Hundertjährige Krieg und die Pest liessen während des Spätmittelalters das «Ars Moriendi» (Kunst des Sterbens) entstehen. Diese sogenannte Erbauungsschrift lehrt die christliche Vorbereitung auf den Tod.

Die Reformation ihrerseits hatte die Aufhebungen etlicher Klöster zur Folge: Vielfach wurden diese fortan als Hospitäler genutzt. Mit der Industrialisierung begann schliesslich die Ausbeutung von Kindern und Frauen, was das Hospizgedankengut wieder vermehrt aufleben liess. Cicely Saunders gilt als Frontfrau der modernen Hospiz-Tradition schlechthin: Gründete sie doch 1967 das erste Hospiz in England. Als Gegenbewegung zu technischen Errungenschaften, wie Intensivstation oder Dialyse kontinuierlich zunehmenden Negierung des Todes in der Schulmedizin, beeinflusste die Arbeit von Elisabeth Kübler-Ross die Hospiz-Konventionen zudem nachhaltig.

«Palliativ» heisst umhüllen

«Vorbeugung und Linderung durch frühzeitiges Erkennen, untadelige Einschätzung und Behandlung von Schmerzen sowie anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychosozialer und spiritueller Art», heissen die Schwerpunkte des ganzheitlichen, als Ergänzung zur Spitalmedizin gedachten, bedürfnisorientierten Konzepts der Palliative Care. Dabei steht die Wahrung der Würde und der Autonomie des Gepflegten im Vordergrund. Ältere Personen sollen sich nicht als Last für die Gesellschaft fühlen. «Die Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen darf den Menschen diese Würde nicht nehmen», insistierte Daniel Büche, Arzt am Palliativzentrum des Kantonsspital St. Gallen, analog dazu eindringlich. Der Sterbende soll sowohl als Individual- als auch als soziales Wesen betrachtet werden. Somit kommen den An- und Zugehörigen ebenfalls eine Rolle zu. Hospiz- und Palliativbewegung bilden die beiden Schalen einer Muschel, in der eine Perle – im übertragenen Sinn also der Sterbende – positioniert ist. Somit rückt der Gepflegte in den Mittelpunkt. «Mitgehen statt Mitleiden» lautet die Devise der Mitmenschlichkeit. Die Begleitung bestimmt weder Ziel noch Tempo, noch Themen auf der gemeinsamen Strecke. Sie verlangt Zurückhaltung sowie sensibles und aufmerksames Dasein.

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