Gemeinsam gegen Bedrohungen

WIL. Für Imam Bekim Alimi ist klar, dass ein Dialog jeglichem Fanatismus und Rassismus die Kraft raubt. In Wil sei man diesbezüglich in einer guten Richtung unterwegs. Doch der Weg zum tieferen interreligiösen Verständnis ist noch weit.

Christof Lampart
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Lebhafte Diskussion: Die ehemalige St. Galler Regierungsrätin Kathrin Hilber und der Imam Bekim Alimi im «Hof zu Wil». (Bild: Christof Lampart)

Lebhafte Diskussion: Die ehemalige St. Galler Regierungsrätin Kathrin Hilber und der Imam Bekim Alimi im «Hof zu Wil». (Bild: Christof Lampart)

Der Imam der albanischen Moschee in Wil, Bekim Alimi, war gestern vormittag zusammen mit alt Regierungsrätin Kathrin Hilber auf Einladung der Volkshochschule Wil zu Gast bei «Persönlich im Hof zu Wil», der Talk-Reihe der Volkshochschule Wil. Dem von Roland Poschung moderierten Anlass wohnten über 60 Personen bei.

«Das ist eindeutig <haram>»

Für Alimi gehört eine Veranstaltung wie diese, an welcher er Nichtmoslems den Islam erklärt, zum Alltag. «Seit dem 11. September 2001 habe ich an 611 Veranstaltungen dieser Art teilgenommen. Also habe ich auch zugesagt, als die 612. Einladung kam.» Der Terror des IS hat für Alimi nichts mit dem Islam zu tun. «Diese Terroristen haben nur einen Glauben: den Terrorismus.»

Überrascht gewesen sei er von den «schlimmen Vorfällen» in Köln. «So etwas war auch für mich komplett neu.» Keinen Zweifel liess er jedoch daran, wie der Islam den sexuellen Missbrauch von Frauen bewertet. «Das ist eindeutig <haram>, also verboten. Wer so handelt, ist kein guter Moslem.» Umso wichtiger sei es, dass Christen und Moslems gemeinsam gegen Bedrohungen kämpfen, bevor schlimme Taten wahr würden. Es sei deshalb für ihn unverständlich, dass zum Beispiel niemand in Winterthur genauer überprüft habe, ob in einer Moschee Hasspredigten gehalten und Jugendliche für den IS angeworben würden. Strikte Kontrollen seien auch im Interesse moslemischer Eltern, welche kein Interesse daran hätten, ihren 16jährigen Sohn an den IS zu verlieren.

Unterfordert gewesen

Sowohl Hilber als auch Alimi wuchsen in grossen Familien auf. Doch anders als der spätere Lebensweg vermuten lässt, verhielt es sich in Sachen gelebter Religion anfänglich eher umgekehrt. Während die heutige Sozialdemokratin aus einer zutiefst katholisch-konservativen Familie stammt – ihr Grossvater war Wiler Stadtammann und Gerichtspräsident –, wuchs Alimi bei den Grosseltern auf dem Land auf. «Unsere Familie war nicht gläubiger als viele andere. In meiner Familie gab es vor mir keine Imame.» Dass er es dennoch wurde, war dem Zufall geschuldet. «Jeder dachte, dass ich Mathematik studieren würde, aber das theologische Gymnasium gefiel mir am besten, weil ich hier viel mehr Fächer lernen konnte als anderswo. In der Volksschule war ich unterfordert gewesen.»

Später studierte er an der berühmten Al-Azhar-Universität in Kairo – und war anfänglich überfordert, «denn ich kam von Skopje in die 18-Millionen-Stadt Kairo. Das war anfänglich schon ein bisschen viel für mich», erinnert er sich an seine Zeit in Nordafrika zurück.

Heftige Abkehr

«Überfordert» gefühlt – und zwar in Sachen Glauben – hatte sich auch Kathrin Hilber. Dass damals die katholische Kirche viel mit Bildern und Ängste operiert habe, prägte als Heranwachsende ihr Menschenbild. «Das habe ich aber erst später richtig realisiert.» Den Bruch zum katholischen Milieu vollzog Hilber gegen aussen für alle gut ersichtlich. Als sie nämlich 1980 nach St. Gallen zog, trat sie der SP bei. Dass sie bei den Sozialdemokraten schnell Karriere machte, erstaunt nicht, denn Hilber ist ein Mensch der Taten. «Geduld ist nicht meine Stärke. Ich packe gerne an. Denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Das habe ich in über 60 Jahren gelernt», so die Altregierungsrätin.

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