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«Ich will die Politik aufmischen»: Warum Martin Rütti trotz geringer Chancen für den Flawiler Gemeinderat kandidiert

Seine Kandidatur hatte er angekündigt, jetzt hat er sie eingereicht: Martin Rütti will in den Flawiler Gemeinderat. Der Sozialhilfebezüger hat erst kürzlich erfolgreich eine Petition zur Sicherheit am Bahnhof lanciert.

Andrea Häusler
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Der Flawiler Bahnhof ist Martin Rüttis zweites Zuhause. Mit einer Unterschriftensammlung hat er sich für mehr Sicherheit in diesem Bereich eingesetzt, jetzt will er in in die Politik.

Der Flawiler Bahnhof ist Martin Rüttis zweites Zuhause. Mit einer Unterschriftensammlung hat er sich für mehr Sicherheit in diesem Bereich eingesetzt, jetzt will er in in die Politik.

Bild: Andrea Häusler

«Ich habe lange überlegt, ob ich das tatsächlich durchziehen möchte», sagt der 57-jährige stellenlose Koch, der als Berufsbezeichnung «Allrounder/Stehaufmännchen» angibt. Insbesondere nachdem die Ankündigung seiner Kandidatur auch auf Unverständnis gestossen sei und negative Kritik hervorgerufen habe. Doch schliesslich habe er entschieden: «Jetzt erst Recht.»

Am Dienstag hat er nun seine Kandidatur als Nachfolger des zurücktretenden Gemeinderats Erwin Thalmann (Umweltliberale) offiziell eingereicht. Damit ist er bisher, neben Marco Lüchinger (SP), der zweite Kandidat, der sich um das frei werdende Amt bewirbt. Gewählt wird am 28. November.

Verständnis für Menschen am Rand der Gesellschaft

Rüttis Wahlchancen sind verschwindend klein. Da macht selbst er sich keine Illusionen. Nicht nur deshalb, weil ihm, als Sozialhilfebezüger, kein Wahlkampfbudget zur Verfügung steht. Martin Rütti passt nicht ins Schema, verkörpert nicht das gängige Bild eines Politikers, brilliert weder mit Führungskompetenzen noch mit politischer Erfahrung. Er betont aber:

«Ich kenne auch die Sorgen und Nöte jener Bürgerinnen und Bürger, die mit bescheidenen Mitteln auskommen müssen, der Arbeitslosen, Suchtkranken, der Menschen am Rand der Gesellschaft.»

Diesen wolle er eine Stimme geben. Aber auch den jungen Leuten, die so viel zu sagen hätten und dennoch kaum Gehör fänden. Schlicht all jenen Menschen, denen er am Bahnhof begegnet. Jenem Ort in Flawil, wo er sich bevorzugt aufhält, und wo Vertreter unterschiedlichster Nationen, Generationen und sozialer Schichten aufeinandertreffen. «Ich möchte die Politik aufmischen.»

Tödlicher Vorfall als Motivation

Hier, in seinem «Wohnzimmer», liegen auch die Gründe für seine Kandidatur. Der tödliche Vorfall neben dem Migrolino-Shop von Ende August hatte ihn, den «Bahnhofsheriff», tief erschüttert. Und letztlich auch zu einer Unterschriftensammlung veranlasst. Die Petition für einen sicheren Bahnhofplatz wurde dem Gemeinderat am 6. September übergeben. Der Erfolg der Aktion, rund 300 Unterschriften innert 20 Stunden, hatte ihn motiviert, sein Engagement für Flawil zu intensivieren und sich, über das Bahnhofareal hinaus, in einer offizieller Funktion für die Bevölkerung einzusetzen.

Politisch leicht links der Mitte

Martin Rütti lebt seit zwölf Jahren in Flawil. Und das Dorf liegt ihm am Herzen: «Ein solches soll Flawil auch für immer bleiben», sagt er und ergänzt: «Ich möchte nie einen Stadtpräsidenten oder eine Stadtpräsidentin wählen müssen.» Politisch sieht er sich leicht links der Mitte. «Irgendwo in der Nähe der Grünliberalen.»

Ein Parteibeitritt kommt für ihn allerdings nicht in Frage. «Ich möchte an keine Parteidoktrin gebunden sein, sondern einzig für die Menschen in diesem Dorf da sein», macht er klar. Und welches Departement in Gemeinderat schwebte ihm vor? «Sicher nicht die Finanzen», lacht er, räumt dann aber ein: «Wieso eigentlich nicht? Mit Schulden kenne ich mich ja aus...»

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