Gemeinde lädt Rap-Star aus

FLAWIL. Der umstrittene Rapper Haftbefehl hätte am 25. November im Flawiler Lindensaal auftreten sollen. Organisiert hatte dies die Jugendarbeit auf Wunsch von Jugendlichen. Jetzt hat die Gemeinde das Konzert abgesagt, aus Angst vor einer Eskalation.

Mario Fuchs
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Der deutsche Rapper Haftbefehl gibt sich immer direkt, sowohl mit Worten also auch mit Gesten. In Flawil wird er vorerst nicht auftreten. (Bild: Thug Life Clothing)

Der deutsche Rapper Haftbefehl gibt sich immer direkt, sowohl mit Worten also auch mit Gesten. In Flawil wird er vorerst nicht auftreten. (Bild: Thug Life Clothing)

FLAWIL. «Ich nimm dir alles weg, den Schlüssel zu deinem Haus, …, den Mercedes, den du fährst. Ich nimm dir alles weg und töte deinen Bruder.» So textet Haftbefehl, ein deutscher Rapper, ein kurdischer Türke aus Offenbach. Die Themen in seinen Liedern: Waffen, Gewalt, Drogen und Sex. Nicht, dass dies neu wäre im Hip-Hop, doch Erfolgsrezept und zugleich Stein des Anstosses bei Kritikern und Eltern der mehrheitlich jungen Hörer ist Haftbefehls ungeschminkter Stil. Er nennt die Dinge beim Namen, steht etwa offen für Gewaltverherrlichung ein. Er macht auf der Bühne auch mal den Hitlergruss – und sagt danach: «Das ist nur Spass, weisste.»

Mit 14 brach er die Schule ab, mit 21 flüchtete er aufgrund eines Haftbefehls wegen Betrugs – daher sein Künstlername – in die Türkei und später in die Niederlande. Dank der Hilfe seines Anwalts durfte «Hafti» später wieder nach Deutschland einreisen, begann eine Ausbildung zum Auto-Mechatroniker, brach sie nach drei Wochen ab. Jetzt rappt er.

Vorfreude auch in Degersheim

Am 25. November hätte der in der Szene schnell aufgestiegene Star im Flawiler Lindensaal auf der Bühne stehen sollen. Ein Konzert dieser Grössenordnung wäre eine kleine Sensation gewesen und hätte wohl weit über die Gemeindegrenzen hinaus Publikum angezogen. Doch dazu kommt es nicht. Der Gemeinderat entschied: Es wird abgesagt.

Die Idee war entstanden, als Tobias Marti und René Hirschi, welche das Team der Offenen Jugendarbeit der Gemeinde Flawil bilden, einen Wunsch einiger Jugendlicher aufgriffen. Deren Jubel war gross, als sie im Spätsommer über den Anlass informierten. Auch in der Nachbargemeinde Degersheim keimte bei den Jugendlichen Vorfreude auf. Der dortige Jugendarbeiter Raphael Gnägi hätte bei genügend Zusagen einen Shuttletransport ans Konzert und zurück nach Degersheim angeboten. In einer entsprechenden Facebook-Gruppe bekundeten 44 potenzielle Konzertbesucher ihr Interesse.

«Eine Schuhnummer zu gross»

Inmitten der Vorbereitungen – «Hafti» war mittlerweile für einen Auftritt in Flawil gebucht – wurde den Verantwortlichen zunehmend unwohler. René Hirschi und Tobias Marti, welche ihre Arbeit mit den Jugendlichen grundsätzlich frei gestalten und autonom handeln können, informierten aus freien Stücken den Gemeinderat. Sie hätten festgestellt, dass Haftbefehls Texte «sehr, sehr extrem sind», sagt Erich Baumann, als Gemeinderat zuständig für den Bereich Soziales und Gesundheit und somit auch für die Offene Jugendarbeit.

Die Befürchtung der Jugendarbeiter, das Vorhaben könnte «eine Schuhnummer zu gross werden», wurde im Gemeinderat diskutiert. Erich Baumann: «Wir kamen zum Schluss, das Konzert abzusagen. Wir wollen keine Eskalation riskieren.» Aufgrund der Bekanntheit des Künstlers hätte man mit einem schwierig zu bewältigenden Publikumsaufmarsch rechnen müssen. Und vor allem, so Erich Baumann, hätte man das ursprüngliche Ziel, die Jugendlichen mit der Musik «abzuholen» und daraus eine Diskussion über deren Inhalte zu entwickeln, verfehlt.

Podium vorerst gescheitert

Die zuletzt geprüfte Alternative, Haftbefehl für eine Art Podiumsdiskussion mit den Jugendlichen vor dem Konzert zusammenzubringen, ihn seine Texte erklären zu lassen, musste ebenfalls verworfen werden. Der Künstler war damit nicht einverstanden. Vielleicht, so Erich Baumann, greife man diese Idee zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf. «Wir hätten das wirklich gerne durchgeführt, man hätte so Gewalt gut thematisieren können. Aber dem Künstler eine blosse Plattform zu geben, wäre nicht sinnvoll», sagt er.

Flawiler Jugendliche äusserten sich gegenüber René Hirschi auf Facebook grösstenteils enttäuscht. Die Reaktionen beschränken sich allerdings auf einige wenige. Die Offene Jugendarbeit wird laut Baumann diese Woche in den Jugendtreff Meise einladen, um die Gründe für die Absage den Jugendlichen zu erläutern und zu diskutieren.

Jene, die den Rapper trotzdem live sehen wollen, können dies am Samstag, 26. November, tun. Unabhängig von den Flawilern hat die Degersheimer Konzertagentur Yes! Weekend Events Haftbefehl für einen Auftritt in der Alten Kaserne Winterthur engagiert.

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