Gelebte Tradition in der Kälte

In den November-Abenden finden in vielen Hinterthurgauer Gemeinden Umzüge statt, an denen die Kinder mit selbst geschnitzten Räben Licht in die Strassen zaubern. Ein Augenschein im Wilener Lichterschein zeigt: Die Tradition wird gelebt.

Deborah Rutz
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WILEN. Winterlich war die Stimmung in Wilen. Nicht nur, weil die Tage kürzer werden und das Dorf schon früh in dunkle Nacht gehüllt war, sondern auch wegen einzelner Nebelschwaden, welche das Schulhausareal in eine Märchenwelt verwandelten. Eine Welt, welche die über 250 Kinder mit ihren Räbeliechtli und Stab-Räben zu verzaubern wussten. Stolz präsentierten die Kinder ihre selbst geschnitzten Räben. Während sich die kleinen Künstler noch zurückhaltend an den Händen ihrer Eltern auf den grossen Umzug vorbereiteten, zeigten sich die routinierten Räbeschnitzer bereits vor dem eigentlichen Umzug in bester Laune und versuchten, sich gegenseitig das Kerzenlicht auszublasen.

Mit elterlicher Unterstützung

Pünktlich um halb sieben wurde es auf dem Schulhausplatz dunkel, und die Kinder eröffneten – begleitet von den Jungbläsern und Tambouren der Musikschule – den diesjährigen Räbeliechtli-Umzug mit dem bekannten Räbeliechtli-Lied. Auf diesen Moment hatte sich auch Leandra gefreut. Die sechsjährige Schülerin war bereits zum dritten Mal am Umzug dabei. Am meisten hatte sich die Erstklässlerin auf das Singen gefreut. «Meine Mami hat mir bei den schwierigen Sachen geholfen, aber die Zacken am Rand habe ich alleine gemacht», sagte Leandra stolz. Die Muster auf den Räben auszustechen, sei das Schwierigste, weiss die junge Schülerin. Nicht nur zum Start des Umzuges konnte man die Kinder singen hören. Auch bei der Egelseestrasse und dem Pflegeheim präsentierten die Schulklassen ihre Räben und Lieder.

Vor allem der Auftritt im neuen Pflegeheim war etwas Spezielles für Jung und Alt. «Wir hatten im Pflegezentrum angefragt, und die Bewohner waren begeistert von der Idee», sagte Bernadette Ledergerber vom Elternverein Wilen, der den Umzug zusammen mit der Schule organisierte. «Die Bewohner freuen sich auf den Auftritt der Kinder, und die Schüler sind stolz, dass sie etwas vorsingen dürfen.»

Verantwortung übernehmen

Nicht nur auf ihre Räben und Lieder waren die Kinder stolz. Es gab auch Knaben und Mädchen, die spezielle Aufgaben übernehmen durften. Als «Wägeli-Zieher» und «Kerzli-Anzünder» waren einige auserwählte Viertklässer als Wegweiser und «Lichter-Retter in Not» dabei. «Das ist eine ganz wichtig Aufgabe, und das darf nicht jeder machen», sagte der zehnjährige Elia. Sein Freund und «Mit-Zieher» Niels sieht das ebenso: «Seit der zweiten Klasse wollte ich unbedingt einmal als Anzünder oder als Wägeli-Zieher dabei sein.» Nun war es so weit, und die beiden Knaben durften zum erstem Mal Verantwortung übernehmen und ihren kleinen Kameraden bei Problemen mit ihren Kerzen helfen.

Die Eltern schauten sich den Umzug von aussen an. «Es ist sonst zu gefährlich für die Kinder, die sich durch ihre Eltern ablenken lassen und dann die Gruppe verlieren», so Ledergerber, die betonte, dass sich Eltern und Kinder immer an die Regeln halten und noch nie jemand verlorenging. Spätestens nach Wurst und Punsch für die Räbeliechtli-Schnitzer waren alle auf dem Pausenhof wieder vereint und bestaunten das Lichtermeer in der dunkeln Herbstnacht.

Am nächsten Montag, 14. November, findet der Räbenliechtli-Umzug in Rickenbach statt. Treffpunkt ist um 18 Uhr beim Thurlinden-Schulhaus.