Gelassen trotz Zeitdruck: Wiler Requisiteur bereitet sich auf Festspieloper vor

Ronald Porawski, Chefrequisiteur des Theaters St. Gallen, arbeitet zurzeit Tag und Nacht. Denn die Premiere der Festspieloper «Il trovatore» steht bevor.

Daniela Huijser
Drucken
Teilen
Jede Requisite muss stimmen: Ronald Porawski vor der Festspielbühne des Theaters St. Gallen, auf der am 28. Juni die Premiere der Oper «Il trovatore» stattfindet.

Jede Requisite muss stimmen: Ronald Porawski vor der Festspielbühne des Theaters St. Gallen, auf der am 28. Juni die Premiere der Oper «Il trovatore» stattfindet.

«Shopping» im Stellenbeschrieb – das klingt wohl für viele nach einem Traumjob. Sogar für einen Mann. Ronald Porawski ist am Theater St. Gallen nämlich derjenige, der beruflich auf Einkaufstouren geht. Sein Job als Leiter der Requisitenabteilung umfasst aber weit mehr Aufgaben, als sich an zehn Fingern abzählen lassen. Auch Wäsche waschen gehört dazu, wie eine Reihe zum Trocknen aufgehängter Putztücher und Bettwäsche in der hinteren Ecke der Werkstatt beweisen.

Hier in der Requisite des Theaters passiert unheimlich viel. Vom Bacchantischen Buffet bis zur Marionette, von kostbar anmutenden Schatullen bis zum feurigen Spezialeffekt wird hier alles hergestellt. Davon zeugen zahlreiche Regale und Schubladen mit den unterschiedlichsten Dingen: Farben, Lacke, Leim, Stoffresten, Sägen – kaum zu glauben, dass jemand hier noch den Überblick hat. Doch Ronald Porawski und sein Team kennen jede Nische im überschaubar grossen Raum mit wenig Tageslicht. Der Chefrequisiteur arbeitet seit 1991 am Theater St. Gallen und kennt nicht nur seine Abteilung, sondern den ganzen Betrieb bis ins Detail.

Premiere rückt näher

Gerade bereitet er sich auf das Finale der Saison vor: auf «Il trovatore», die grosse Oper der St. Galler Festspiele auf dem Klosterhof am 28. Juni. Wobei «vorbereiten» derzeit das falsche Wort ist. Zwar sind es beim Besuch in der Werkstatt nur noch knapp drei Wochen bis zur Premiere, doch Ronald Porawski weiss erst sehr wenig über die Anforderungen an die Requisite. Schwarze Holzkreuze sollen verwendet werden, und zwar ziemlich viele. Die meisten davon stabil, einige müssen während der Aufführung zerbrechen können.

Was andere vor Nervosität kaum schlafen liesse, beunruhigt den 55-Jährigen gar nicht. Sobald der Bühnenbildner mit den Aufträgen kommt, werden er, seine beiden Mitarbeiter, der Lehrling und einige Aushilfen bereit sein. Die langjährige Routine kommt ihm dabei zugute: «Normalerweise beginnen wir schon etwa sechs bis acht Wochen vor der Premiere mit der Arbeit an den Requisiten», erklärt er. Dazu gehören dann die eingangs erwähnten Einkaufstouren, denn nicht jedes Teil wird in der Werkstatt gefertigt. Diese Einkaufstouren führen aber nicht nur in grosse Warenhäuser und Brockenstuben, sondern auch schon mal in ein Spital, auf einen Bauernhof oder in einen Schlachthof, je nachdem, welche Gegenstände gesucht werden.

Aus neu mach alt

Oftmals lässt sich ein Gegenstand nicht so verwenden, wie er gekauft wurde. «Einmal brachte ich dem Bühnenbildner ein schönes, glänzendes Silberservice. Er aber wollte, dass es alt und zerbeult aussieht. Also hämmerte ich schweren Herzens auf den Teilen herum und trimmte alles auf schäbig», erzählt Porawski und schmunzelt. Der Mann mit der ruhigen Ausstrahlung und dem humorvollen Blick spricht immer noch ein klares Hochdeutsch, obwohl er schon seit 27 Jahren mit seiner Frau in Wil zu Hause ist.

Seine Theaterlaufbahn begann in Berlin, wo er seine ersten Berufsjahre als Einzelhandelskaufmann erlebte. «Nach einigen Jahren realisierte ich, dass ich damit nicht glücklich werde. Also begann ich mich auf gut Glück auf die unterschiedlichsten Stellen zu bewerben. Eine davon war am Schillertheater.» Sein handwerkliches Geschick, das sich bereits in jungen Jahren zeigte, half ihm dort bei den Aufgaben als Requisiteur.

Ideales Theater

Der spätere Wechsel nach St. Gallen bedeutete einen Karriereschritt für den talentierten Handwerker: Er wurde Leiter der Requisitenabteilung an einem Ort, der ihm perfekt erschien. «Dieses Theater hat eine ideale mittlere Grösse. Es ist keine ‹Fabrik›, sondern ich bin nahe dran an allen Abteilungen und an den Schauspielern.» Der Kontakt zu den Akteuren sei wichtig, denn manch eine Requisite müsse gut in der Hand liegen, gut zu greifen sein.

Nahe dran ist Ronald Porawski auch während der Vorstellung: Ganz in Schwarz ist er mitverantwortlich für das Einrichten und das Umplatzieren von Requisiten. Er weiss genau, welches Teil wo liegen muss. Eine anspruchsvolle Aufgabe bei Stücken wie «Endstation Sehnsucht», in dem es vor Requisiten nur so wimmelt.

Fackeln im Blick

Bei den St. Galler Festspielen war der Requisiteur auf der riesigen Bühne sogar schon Teil der Statisten. «Als Mönch verkleidet stand ich mitten im Chor sozusagen als ‹Feuerwache›. Denn die Sänger mussten Fackeln hochhalten und meine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass diese Fackeln nicht zu nahe an andere Sänger gerieten», beschreibt Porawski seinen Spezialeinsatz. An den Festspielen sei sowieso alles speziell, weil die Dimension der Bühne viel grösser ist und unter freiem Himmel gespielt werde. «Das beginnt damit, dass alle Requisiten wasserfest sein müssen. Nicht dass bei Regen plötzlich Farbe herunter tropft.» Stark beschäftigt war die Requisitenabteilung im vergangenen Jahr für «Edgar». Die Inszenierung verlangte nach vielen riesigen Käfern und Beeren. «Dabei arbeiteten aber mehrere Abteilungen zusammen.»

Was auch immer gefordert wird, eins bleibt sich gleich: Ronald Porawski sieht in der Woche vor der Premiere kaum noch seine Frau und seine beiden Hunde, denn die Arbeitstage ziehen sich oft bis spät in den Abend hinein. Umso mehr geniesst er danach seine Freizeit, unternimmt mit Frau und Hunden Ausflüge und widmet sich seinem Lieblingshobby, dem Kochen. Nach solchen kleinen Verschnaufpausen geht er wieder voller Energie zurück in die Werkstatt zu seinen Requisiten – und zu seinem Traumjob.