GELÄUT: Nachtruhe im Glockenturm

Im Degersheimer «Glockenstreit» zeichnet sich eine Lösung ab. Die katholischen Kirchbürgerinnen und Kirchbürger wurden am Montag darüber informiert. Mitentscheiden können sie aus rechtlichen Gründen nicht.

Andrea Häusler
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Bereits im Jahre 1981 waren die Degersheimer Glocken in den Schlagzeilen. Beim Glockenaufzug am 27. Juni brannten zwei Pferde durch. Ernsthaft verletzt wurde aber niemand. (Bild: Aus dem Buch «Degersheim»)

Bereits im Jahre 1981 waren die Degersheimer Glocken in den Schlagzeilen. Beim Glockenaufzug am 27. Juni brannten zwei Pferde durch. Ernsthaft verletzt wurde aber niemand. (Bild: Aus dem Buch «Degersheim»)

Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

Zu entscheiden, ob, wann, wie oft und wie lange die fünf Glocken im Turm der Jakobus-Kirche in Degersheim läuten, liegt nicht im Kompetenzbereich der Kirchbürgerschaft. Dies sagte der Präsident des Kirchenverwaltungsrats, Markus Stäheli, an der ordentlichen Kirchbürgerversammlung und verwies auf die Gemeindeordnung. Das bedeutet, dass schon die Abstimmung über den Verzicht auf den nächtlichen Glockenschlag an der Bürgerversammlung von 2010 nicht rechtskonform war und der damals ablehnende Beschluss der Stimm- berechtigten folglich nichtig ist.

Schalldruck von 83 Dezibel

Die Entscheidungbefugnis liegt beim Kirchenverwaltungsrat und dem Pastoralteam. Deren Mitglieder sahen sich im Juni 2016 mit einer Lärmklage konfrontiert, der eine Lärmmessung zugrunde lag (Wiler Zeitung vom 27. Januar 2017). Nach dieser soll nächtliche Glockenschlag (Hammer) einen Schalldruck von 73 Dezibel, das Glockengeläut (alle Glocken) einen von 83 Dezibel erzeugen. «Das ist laut, zu laut», sagte Markus Stäheli. Mit dem Ziel, den Disput (einvernehmlich) zu lösen, verständigten sich Behörden und Klägerin auf einen Pilotversuch zur «Lärm»-Reduktion und setzten diesen per 4. Januar um. Seither ist das Geläut nachts abgestellt. Tagsüber wird um 11.01 Uhr und um 18.01 Uhr (vorher 19.01 Uhr) geläutet – statt fünf nur noch drei Minuten lang. Das sonntägliche Läuten wurde um zwei auf acht Minuten verkürzt. Der Versuch läuft noch bis Ende April.

Nächtlicher Glockenschlag: 50 Prozent dafür

Obwohl die Kirchbürgerschaft nicht entscheiden kann, eruierte der Kirchenverwaltungsrat in einer Konsultativumfrage deren Meinung. 230 der 988 Stimm­berechtigten oder gut 24 Prozent nutzen die Chance der Vernehmlassung. Verblüffend präsentiert sich das Ergebnis in der Frage nach dem Verzicht/Erhalt des nächtlichen Glockenschlags: 118 befürworten die Anpassung, 118 lehnen sie ab. Die im Versuch verkürzten Läutezeiten werden von 60 Prozent der Umfrageteilnehmer unterstützt. Ausgenommen von der Diskussion ist das traditionelle Läuten an Weihnachten, Neujahr oder Ostern, das für die Behörden nicht verhandelbar ist.

Erwartungsgemäss zahlreich waren die Wortmeldungen zu diesem Thema. Es schlafe sich jetzt ruhiger, stellte eine Votantin fest. Eine andere sagte, sie vermisse nachts die Glockenschläge. Ohropax-Ohrstöpsel wurden empfohlen, ein Wohnortwechsel beliebt gemacht – und die Befürchtung geäussert, dass der Verzicht auf den nächtlichen Glockenschlag der Anfang vom Ende des kirchlichen Läutens sei und damit ein uraltes Kulturgut verlorengehe. Schliesslich wurde jedoch auch um Toleranz und Verständnis für lärmempfindliche Menschen gebeten.

Rückzug der Klage zugesichert, wenn . . .

Für den Kirchenverwaltungsrat ist das Vorgehen klar: Er will es nicht auf eine gerichtliche Auseinandersetzung ankommen, sich im schlechtesten Fall teure, unverhältnismässige Massnahmen und bestimmte Läutzeiten aufdoktrinieren lassen. «Wir streben eine aussergerichtliche Einigung an», sagte Markus Stäheli. Die Chancen dazu stünden nicht schlecht: «Die Klägerin hat uns zugesichert, die Klage zurückzuziehen, sofern die vorgesehenen Massnahmen mehr oder weniger umgesetzt werden.»