Gegen die Isolation in der Coronakrise: Die Evangelische Kirchgemeinde Flawil bietet einen telefonischen Seelsorgedienst an

Wem die aktuelle Situation allzu sehr aufs Gemüt schlägt, der findet Unterstützung bei Seelsorgenden.

Tobias Söldi
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Die Coronakrise erschwert den Kontakt mit Bekannten und Verwandten – und das Telefon gewinnt an Bedeutung.

Die Coronakrise erschwert den Kontakt mit Bekannten und Verwandten – und das Telefon gewinnt an Bedeutung.

Bild: Keystone

Nachbarschaftshilfe ist das eine. Einkaufen, Botengänge, mit dem Hund rausgehen: Wer zur Risikogruppe gehört und möglichst zu Hause bleiben soll, findet längst genügend Anlaufstellen, um sich Unterstützung für den Alltag zu holen. Doch was macht die aktuelle Situation mit der Psyche? Was mit Menschen, die plötzlich all ihrer sozialen Kontakte beraubt sind, denen das rigorose «Social Distancing» und die Besuchsverbote aufs Gemüt schlagen?

Sie finden Unterstützung bei Seelsorgenden. «Meistens erhalte ich Anrufe von Leuten, die alleine und isoliert zu Hause sind und sich fragen: Wie geht es weiter?», sagt Melanie Muhmenthaler, Pfarrerin der Evangelischen Kirchgemeinde Flawil.

Melanie Muhmentaler, Pfarrerin

Melanie Muhmentaler, Pfarrerin

PD

Seit kurzem unterhält die Kirchgemeinde eine Telefonseelsorge. Weil den Seelsorgenden Besuche im Spital, im Altersheim oder zu Hause untersagt sind. Weil das tagelange Alleinsein zu Hause zu grosser Einsamkeit führen kann. Weil die aktuelle Situation verunsichert, wie es auf der Website der Kirchgemeinde heisst.

Dem Alltag einen neuen Rhythmus geben

Das hat auch Muhmenthaler in den vereinzelten Gesprächen, die sie bis jetzt geführt hat, gespürt. Sie sagt:

«Viele wollen einfach reden und ihre Ängste und Sorgen loswerden.»

Und dann erzählt sie von einem Gespräch, in dem sich wohl viele wiedererkennen können. Die Person, die sich bei ihr gemeldet hatte, konnte nicht mehr zur Arbeit gehen, weil das Unternehmen den Betrieb eingestellt hat. Zu Hause hatte sie Angst, dass ihr die Decke auf den Kopf fällt. Muhmenthaler: «Wir sprachen darüber, wie man den Alltag gestalten und ihm wieder einen Rhythmus geben könnte.» Das führte zu Fragen wie: Was gibt einem Halt neben der Arbeit? Was macht einen stark? Was tut einem gut in diesen schwierigen Zeiten?

Auf der anderen Seite hätten sich aber auch schon Mitglieder der Kirchgemeinde gemeldet, die bloss «Danke» sagen wollten für das Angebot.

Vereinsamung und finanzielle Sorgen

Ähnliche Erfahrungen machte Muhmenthalers Kollege Mark Hampton, ebenfalls Pfarrperson bei der Evangelischen Kirchgemeinde Flawil. Er erzählt:

«Einige Leute sind von den Entwicklungen verunsichert, können nicht verstehen, warum plötzlich alles zum Erliegen gekommen ist.»
Mark Hampton, Pfarrer

Mark Hampton, Pfarrer

PD

Andere hätten hingegen praktische Sorgen, etwa bezüglich ihrer finanziellen Lage oder ihrer Arbeitssituation. Auch das Alleinsein, die Gefahr der Vereinsamung, stelle für viele eine Herausforderung dar.

Hampton versucht, den Besorgten aufzuzeigen, dass verschiedenste Menschen so gut wie möglich versuchen, die Dinge am Laufen zu halten. Er erinnert die Besorgten auch daran, dass – früher oder später – alles wieder vorbei sein wird. «Es ist kein Dauerzustand.» Und vor allem will er ihre Eigeninitiative wecken:

«Wir alle können etwas dazu beitragen, diese Krise zu überstehen. Etwa, indem wir die Verhaltensregeln befolgen. Wir sind nicht ohnmächtig.»

Ein Gebet über das Telefon

Letzteres gilt auch für die Kirchgemeinden. «Wir müssen die Möglichkeiten nutzen, füreinander da zu sein – auch wenn der direkte Kontakt nicht möglich ist», sagt Hampton überzeugt. So stehe man nicht nur für telefonische Gespräche zur Verfügung, sondern gehe auch aktiv auf Leute zu, die sich in fragilen Situationen befänden, frage nach deren Befinden und Bedürfnissen.

«Wir wollen zeigen, dass wir als Kirchgemeinde da sind und einen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten.»

Und wenn es die Anruferinnen und Anrufer wünschen, sprechen die beiden Seelsorger auch mal ein Gebet übers Telefon. «Ich schliesse meine Gespräche oft mit einem Kurzsegen wie ‹Bhüet di Gott›», sagt Melanie Muhmenthaler.

Distanz ohne Distanziertheit

Doch was macht diese Arbeit mit den Seelsorgenden? Wie gehen sie mit der Last um, die sie auferlegt bekommen? Muhmenthaler betont: «Es braucht eine professionelle Distanz ohne Distanziertheit.» Dazu fänden regelmässige Supervisionen zum Verarbeiten statt – Seelsorge für die Seelsorger. Denn, so Muhmenthaler: «Es muss uns auch möglich sein, diese Sachen einmal auf die Seite zu stellen.»

Und Mark Hampton sagt, es gehöre zum Alltag eines Pfarrers, mit solchen Belastungen klarzukommen. «Wir sind auch sonst im Krisenfall immer abrufbereit, etwa bei Todesfällen», sagt er. Zurzeit sei bloss die Situation ein bisschen eine andere. Klar sei aber auch:

«Wir brauchen breite Schultern. Nur so können wir vieles tragen, ohne ins Schwitzen zu kommen.»
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