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65 Rappen im Portemonnaie: Gefangen im Schuldenstrudel – ein Ostschweizer erzählt

Immer mehr Personen kämpfen in der Schweiz mit Schulden, auch im Wahlkreis Wil. Schweizer Politiker sind bestrebt, Private künftig davon zu befreien. Ohne Unterstützung gelingt das nämlich nur wenigen.
Lara Wüest
Von den Schulden erdrückt: Viele Menschen haben Geldprobleme. (Symbolbild)

Von den Schulden erdrückt: Viele Menschen haben Geldprobleme. (Symbolbild)

Auf den ersten Blick verläuft das Leben von Christian Schmid in geordneten Bahnen. Wie viele andere setzt er sich jeden Morgen in den Zug, um zur Arbeit zu fahren. Schmid ist als Berater in der Baubranche tätig, er hat einen Job, mit dem er eigentlich gutes Geld verdienen würde. Doch Leben kann er von seinem Gehalt trotzdem nicht. Christian Schmid, der in Wahrheit anders heisst und in der Umgebung von Wil lebt, hat Schulden. Hohe Schulden. Mittlerweile belaufen sie sich auf rund 120'000 Franken. Angehäuft hat er sie in den vergangenen fünf Jahren.

Wenn Schmid, der Mitte 50 ist, beim Amt seinen Betreibungsregisterauszug anfordert, erhält er einen dicken Stapel Papier. Die Liste seiner Gläubiger ist lang: Da ist seine Exfrau wegen der ausstehenden Alimente. Da ist das Steueramt, die Krankenkasse, sein ehemaliger Vermieter, die Billag und der regionale Stromversorger. Gestern, sagt Christian Schmid, habe er noch 65 Rappen in seinem Portemonnaie gehabt, heute seien es 50 Franken, weil ihm sein Chef etwas Geld geliehen habe. Damit muss er nun so lange wie möglich über die Runden kommen.

Immer mehr Löhne in Wil gepfändet

So wie Christian Schmid geht es vielen Menschen in der Schweiz. So vielen, dass National- und Ständerat kürzlich zwei Motionen angenommen haben, die ein neues Gesetz zur Schuldenbefreiung von Privatpersonen fordern. Ein Gesetz, von dem im Wahlkreis Wil Tausende Verschuldete profitieren würden. Zwar gibt es keine konkreten Zahlen dazu, wie viele Personen verschuldet sind, doch die Anzahl Pfändungen – meist sind es Lohnpfändungen – erlaubt eine Annäherung. Denn: «Die meisten Menschen, die von einer Pfändung betroffen sind, haben Schulden», sagt Stefan Haltinner, Präsident des Kreisgerichts Wil.

Im Wiler Wahlkreis waren im vergangenen Jahr rund 3000 Personen von einer Pfändung betroffen, also rund 4 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner. Vor fünf Jahren waren es noch 2500. Seither ist ihre Zahl kontinuierlich gestiegen. Den Grund dafür sieht Stefan Haltinner in einem veränderten Konsumverhalten. Er sagt:

«Einen Kleinkredit erhält man heute viel leichter als früher.»

Die Leute kaufen also vermehrt auf Pump.

Eine Abwärtsspirale nimmt ihren Anfang

Christian Schmid hat früher nie auf Pump gekauft. Er und seine Exfrau verdienten gemeinsam 15'000 Franken pro Monat. «Finanzielle Probleme hatten wir nicht», sagt er. Doch dann wurde seine Frau schwanger, «ungewollt», wie er sagt. Trotzdem entschied sich das Paar, das Kind zu behalten. Diese Entscheidung sollte ihr Leben in einer Weise verändern, wie sie es sich nie hätten vorstellen können. Denn ihr Sohn kam mit einer körperlichen und geistigen Behinderung zur Welt.

Fortan musste Christian Schmid alleine für das Einkommen sorgen; seine damalige Frau blieb zu Hause und pflegte den Sohn. Ein paar Jahre ging das gut. Doch dann, vor neun Jahren, erlitt seine Frau eine Hirnblutung. Sie sollte sich davon zwar wieder erholen, aber vorerst war Schmid nun neben dem Finanziellen auch noch für den Haushalt und die Pflege des Sohnes zuständig. Dass sie Hilfe hätten beanspruchen können, kam ihnen nicht in den Sinn, zu nah standen sie bereits am Abgrund.

Für mehr als die Bewältigung des Alltags reichte die Energie nicht. Und dann, ein Jahr später, wurde Christian Schmid krank. Er erlitt ein Burn-out, kurz darauf zerbrach auch die Beziehung. Nach einem Klinikaufenthalt entschied er sich, seine Frau zu verlassen.

Unterhaltszahlungen brachen ihm das Genick

Was er damals noch nicht wusste: Die hohen Unterhaltszahlungen von 3500 Franken im Monat, die der Scheidungsrichter später festlegte, sollten ihm «das Genick brechen». Mit ihnen begann seine finanzielle Abwärtsspirale. Körperlich hatte er sich damals, vor gut fünf Jahren, zwar von seinem Burn-out erholt, aber psychisch ging es ihm schlecht. Er liess sich teilweise krankschreiben, doch mit der Arbeitszeit im Büro schrumpfte auch sein Einkommen. Die Alimente konnte er davon nicht mehr bezahlen, irgendwann liess ihn seine Frau deswegen betreiben.

Eines Tages erhielt er dann dicke Post vom Betreibungsamt: die Pfändungsankündigung. Bei einer Lohnpfändung geht ein Teil des Lohnes des Verschuldeten direkt vom Arbeitgeber an das Amt. Der Schuldner erhält nur noch das sogenannte betreibungsrechtliche Existenzminimum. Davon kann er Essen, die nötigsten Kleider, die Krankenkasse oder die Miete bezahlen. Auch für die Freizeit erhält er einen kleinen Betrag. Die aktuellen Steuern sind darin jedoch nicht einberechnet.

Als Christian Schmid Ende Jahr seine Steuerrechnung erhielt, warf ihn das endgültig aus der Bahn. Er sagt:

«Egal, welche Rechnung ich bezahlte, eine andere blieb immer offen.»

Die Liste seiner Schulden wurde noch länger. Für den zahlungswilligen Mann war das demütigend.

«Ich wurde richtig wütend auf die Ämter, die für meine Situation kein Verständnis aufbrachten.»

Kein Entkommen aus der Schuldenfalle

Die Geschichte von Christian Schmid steht stellvertretend für die von vielen Verschuldeten in der Schweiz. «Der typische Schuldner ist ein alleinstehender Mann zwischen 40 und 50», sagt Monika Knellwolf, die den Kontakt zwischen Schmid und dieser Zeitung herstellte. Sie ist Schuldenberaterin bei Caritas St. Gallen/Appenzell. Gleichzeitig beobachtet Knellwolf, dass sich auch immer mehr Junge, vor allem Männer, verschulden. Und das bereitet der Schuldenberaterin Sorgen: «Es ist höchste Zeit, dass die Schweiz dem nachgeht.»

Dass National- und Ständerat kürzlich die zwei Motionen zur Schuldenbefreiung von Privaten angenommen haben, begrüsst sie. «Verschuldete Menschen brauchen eine Entschuldung, wenn sie je wieder ein normales Leben führen sollen.»

Am häufigsten geraten Menschen nach einem Schicksalsschlag in die Schuldenfalle, nach einer Scheidung etwa, dem Verlust des Jobs oder wegen einer schweren Erkrankung. Oder, wie bei Christian Schmid, wegen einer Kombination aus allem. Und wer einmal in der Schuldenfalle gefangen ist, kommt ohne fremde Unterstützung kaum mehr hinaus. Um laufende Rechnungen zu bezahlen, müssen Betroffene neue Schulden machen. Oft landen die Rechnungscouverts auch ungeöffnet auf einem Stapel. Die Folgen: Neue Betreibungen flattern ins Haus. Monika Knellwolf sagt:

«Dieser Kreislauf ist so zermürbend, dass viele Schuldner in eine Depression geraten oder mit anderen psychischen Problemen kämpfen.»

Der schwere Schritt zum Sozialamt

Christian Schmid, dem es heute psychisch besser geht als vor ein paar Jahren, glaubt nicht, dass er je wieder ein schuldenfreies Leben führen wird. Kurz nach der Betreibung durch seine Exfrau, verlor er seine gut bezahlte Stelle. Danach versucht er sich mit Temporär-Jobs und Taggeldern der IV, über Wasser zu halten. Ende Juni wurde er ausgesteuert.

Im Moment verdient Schmid sein mickriges Einkommen von rund 2000 Franken pro Monat im Beratungsbüro eines Freundes. Auf Stundenlohnbasis. Wie lange dieser Freund genügend Arbeit für ihn hat, ist unsicher. Deshalb entschied Christian Schmid kürzlich, sich beim Sozialamt anzumelden. Eine Entscheidung, mit der er lange gerungen hat.

«Dieser Schritt machte mir Angst», sagt er. Noch jetzt hat er dabei ein schlechtes Gefühl. Er weiss: Sollte er jemals wieder eine gut bezahlte Stelle finden, wird er auch das Geld des Sozialamtes zurückzahlen müssen. Seine Schulden werden dadurch noch höher sein.

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