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Gefahren auf dem Wiler Schulweg: Jede Querung ist ein Sicherheitsrisiko

Kribbelige Kindergärtler, erwartungsvolle Erstklässler, lustlose Oberstufenschüler: Heute beginnt das neue Schuljahr – auch auf der Strasse.
Andrea Häusler/Nicola Ryser
Mit Kindern und Sprungfedern sensibilisiert das BfU in Wils Stadtzentrum für die Unberechenbarkeit der Jüngsten im Strassenverkehr. Bild: Andrea Häusler

Mit Kindern und Sprungfedern sensibilisiert das BfU in Wils Stadtzentrum für die Unberechenbarkeit der Jüngsten im Strassenverkehr. Bild: Andrea Häusler

Einer Klappe gleich öffnet sich der gelbe Boden des Zebrastreifens. Aus dem Loch springt eine Metallfeder, auf der mit ausgestreckten Armen ein lachendes Mädchen sitzt. «Achtung - Kinder überraschen. Rechnen sie mit allem» – so lautet die Schulwegkampagne 2019 des Bundesamts für Unfallverhütung (BfU). Die Plakate sind ausgehängt, die Banner an Zäunen und Abschrankungen befestigt – auch in der Fussgängerzone an der Oberen Bahnhofstrasse in Wil.

Mit dem Beginn des neuen Schuljahrs sollen sie für das grösste Unfallrisiko im Strassenverkehr sensibilisieren: die Unberechenbarkeit der Kinder, gepaart mit der Unaufmerksamkeit der Fahrzeuglenker. An der Rudenzburgkreuzung hängt das Plakat des TCS. Dieser wirbt weiterhin mit der «Rad steht, Kind geht»-Kampagne um die Aufmerksamkeit der Strassenbenützer. Und die Gemeinden? Die doppeln nach mit den TCS-Hinweisbanden «Schulanfang! Achtung Kinder!», mit Triopanen und/oder Schülerkadetten.

Die visuelle Kommunikation mit den unterschiedlichen Nutzern des Strassenraums macht jedoch nur einen kleinen Teil der Bemühungen um die Optimierung des Schutzes der jüngsten Verkehrsteilnehmer aus. Denn um diese geht es in erster Linie. Kindergärtler und Erstklässler sollen nämlich, trotz der Verkehrszunahme in den vergangenen Jahren, den Schulweg selbstständig zurücklegen. Dies betont der Kommunikationschef der Kantonspolizei St.Gallen, Hanspeter Krüsi.

«Und zwar zu Fuss, nicht mit dem Kickboard oder Rollbrett.»

Zumal diese sogenannten fahrzeugähnliche Geräte nur auf definierten Verkehrsflächen benützt werden dürften und das Risiko rechtlicher Konflikte bestehe. Definitiv keine Option sind aus Krüsis Sicht die Elterntaxis. Im Gegenteil. Diese raubten den Kindern die Schulwegerfahrung und könnten die Sicherheitsproblematik zusätzlich verschärfen.

Ohne Relevanz sind im Zusammenhang mit der Schulwegsicherheit Trendfahrzeuge wie E-Bikes und E-Trottinetts. Da diese erst ab 16 Jahren, respektive 14 Jahren mit dem Führerausweis der Kategorie M, gelenkt werden dürften, wie Hanspeter Krüsi sagt. Jedoch werde im Verkehrsunterricht darauf hingewiesen, dass diese Fahrzeuge lautlos sind, man deshalb noch besser schauen, sich ansonsten aber gleich verhalten muss.

«Der kürzeste Weg ist nicht immer der sicherste»

Wie sich die Kinder auf und an den Strassen zu verhalten haben, lernen sie von den Eltern, aber auch von den Verkehrsinstruktionen der Kantonspolizei, die an den Schulen auf allen Primarschulstufen altersgerechten Verkehrsunterricht durchführen.

Die Kindergärtler und Erstklässler, die heute in den Schulalltag starten, erhalten demnächst Besuch von Mitarbeitenden der Regionalpolizei. Das betrifft im Kanton rund 490 Kindergärten und 300 erste Klassen – sprich: ca. 15000 Buben und Mädchen. Das zentrale Thema ist dabei das Queren von Strassen. «Das grösste Risiko», wie Hanspeter Krüsi sagt. Dabei habe der einprägsame Slogan «Warte, luege, lose, laufe», der Kindergarten- und Schulkindern seit Jahrzehnten eingetrichtert wird, nichts von der Bedeutung eingebüsst. Wichtig ist laut Krüsi darüber hinaus, dass die Kinder immer den gleichen Weg nehmen:

«Der kürzeste ist nicht immer der Sicherste.»

«Den Eltern empfehlen wir, bereits vor dem Eintritt in den Kindergarten bzw. in die 1. Klasse den Schulweg mit den Kindern mehrmals zu üben», sagt Hanspeter Krüsi. Danach sei vorübergehend eine Begleitung wünschenswert. Wobei die Sprösslinge als Gruppe mit anderen Kinder losziehen sollten. Krüsi macht klar: «Es ist nicht nur Aufgabe von Kanton und Gemeinde, für einen sicheren Schulweg zu sorgen. Auch die Eltern haben ihre Pflichten und ihre Vorbildfunktion wahrzunehmen.»

Konzept zur Schulwegsicherheit: einzigartig in Wil

Der Schutz der Kinder auf der Strasse ist der Bevölkerung ein zentrales Anliegen. Immer wieder werde die Kantonspolizei mit Vorschlägen und Forderungen nach baulichen oder anderen Massnahmen konfrontiert: seitens der Gemeinden, Vereine, Parteien oder Eltern. Die Möglichkeiten würden dann von der Verkehrstechnik der Kantonspolizei St.Gallen begutachtet, besprochen und allenfalls umgesetzt, sagt Hanspeter Krüsi und nennt als konkretes Beispiel die Stadt Wil.

Hier habe die Elternvereinigung Wiler Schulen in Zusammenarbeit mit der Kantonspolizei ein Konzept zur Schulwegsicherheit ausgearbeitet und die Schulwege definiert. Das war 2009. Auf das Schuljahr 2020/21 hin soll dieses nun auf die Ortsteile Bronschhofen und Rossrüti ausgeweitet werden. Wil ist, zusammen mit St.Margrethen, übrigens der einzige Ort im Kanton, der über ein solches Schulwegkonzept verfügt.

Heikle Stellen gibt es weiterhin. «In Wil genauso wie in allen anderen Städten und Dörfern des Kantons», macht Krüsi klar. Konkrete neuralgische Punkte nennt er nicht. «Grundsätzlich», sagt er, «ist jeder Wechsel der Verkehrsfläche, jedes Queren einer Strasse mit einem Risiko verbunden. Wenn man sich richtig verhält, sind die Schulwege in Wil aber sicher.»

Grosse Unterschiede zwischen städtischen Gebieten und Landgemeinden vermag Hanspeter Krüsi nicht auszumachen. Die Gefahren seien ähnlich, sagt er, allein deren Häufigkeit sei unterschiedlich.

«Während ein Kind auf dem Schulweg in der Stadt meist mehrmals eine Strasse queren muss, hat das Kind auf dem Land eventuell einen längeren Schulweg und ist demzufolge länger dem Verkehr ausgesetzt.»

Kleine Kinder kaum in Unfälle verwickelt

Die Plakatkampagnen, Verhaltenstipps, Broschüren, Lernapps zum Schulanfang und der Verkehrsunterricht der Polizei nehmen vor allem die Jüngsten ins Visier: Kindergärtler und Erstklässler, für deren Sichtbarkeit der TCS schweizweit jährlich rund 500000 orange und gelbe Leuchtstreifen ausgibt. Obwohl Kinder dieser Altersgruppe am wenigsten in Unfälle verwickelt werden, wie die Verkehrsunfallstatistik der Kantonspolizei St.Gallen aufzeigt.

So verunglückten im Zeitraum 2014 bis 2018 auf dem Schulweg kantonsweit 138 Kinder zwischen vier und vierzehn Jahren. Mit 79 Verunfallten war die überwiegende Mehrheit der Unfallopfer zwischen 12 und 14 Jahre alt. In der Altersgruppe der 4- bis 6-Jährigen wurden 12 Kinder auf dem Schulweg verletzt. Allein auf das vergangene Jahr bezogen wurden 23 Schulwegunfälle registriert. Daran beteiligt waren 15 Kinder, die 12-, 13- oder 14 Jahre alt waren. Kindergärtler und Erstklässler waren keine betroffen.

Für die Oberstufen-Schulung fehlt das Personal

Trotz dieser Zahlen liegt der Fokus der Unfallprävention auf den Automobilisten und den jüngsten Verkehrsteilnehmern. Das betrifft auch den Verkehrsunterricht, der in der Mittelstufe endet. Hanspeter Krüsi sagt dazu:

«Für die Schulung an der Oberstufe fehlt uns schlicht das Personal.»

Ausserdem zweifelt er an der Effektivität des Teenager-Unterrichts durch Polizeibeamte. Wenn Jugendliche verunfallten, sei dies in der Regel auch nicht in fehlendem Wissen begründet, denn dieses werde ja in der Primarschule sukzessive aufgebaut. Die Ursache sieht Krüsi eher darin, dass sich die 12- bis 14-Jährigen aufgrund der gemachten Erfahrungen und dem erlernten Grundwissen im Verkehr sehr sicher fühlten. Ein Gefühl, dass sich, wie die Zahlen belegen, als gefährlicher Trugschluss erweist.

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