Gedenken, aber nicht Krieg feiern

Vor 100 Jahren besuchte Wilhelm II., der letzte deutsche Kaiser, die Schweiz. Im Raum Kirchberg inspizierte er ein Manöver der Schweizer Armee. Ihm gleich taten es 100 000 Zuschauer. Dieses Ereignisses soll heuer gedacht werden.

Sebastian Keller
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Die Arbeitsgruppe von links: Armin Strässle, Grundeigentümer; Linus Calzaferri, Gemeinderat; Milo Kalberer, Verleger «Alttoggenburger»; Armin Eberle, Historiker; Christoph Häne, Gemeindepräsident. (Bilder: seb.)

Die Arbeitsgruppe von links: Armin Strässle, Grundeigentümer; Linus Calzaferri, Gemeinderat; Milo Kalberer, Verleger «Alttoggenburger»; Armin Eberle, Historiker; Christoph Häne, Gemeindepräsident. (Bilder: seb.)

KIRCHBERG. Ihrem Namen wird sie gerecht, die Kaiserlinde. Sie thront auf dem Kaiserhügel ob Kirchberg. Von ihrem Stamm aus ist der gesamte Alpstein, tief in den Thurgau und weit ins Fürstenland zu sehen. «Und abends manchmal sogar bis ans deutsche Bodenseeufer», weiss Grundeigentümer Armin Strässle.

Über 20 000 Soldaten

Wobei deutsch ein gutes Stichwort ist. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) ist der Namensgeber der Linde. Dieser letzte deutsche Kaiser besuchte am 4. und 5. September 1912 die Schweiz. Er dinierte in Bern, begrüsste Basel, trank in Ittingen, bestaunte in Zürich ein Feuerwerk und frühstückte in Wil. Und er war im Raum Kirchberg, wo er ein Manöver des dritten Armeekorps inspizierte. Ein grossangelegtes Manöver: An diesem nahmen 22 645 Unteroffiziere und Soldaten, 1309 Offiziere sowie 5755 Pferde teil. Und rund 100 000 Zuschauer, die wie ein Heuschreckenschwarm über die Region herfielen und den Kaiser bejubelten. Das Manöver leitete eine bekannte Figur der Schweizer Geschichte: Ulrich Wille, dazumal Oberstkorpskommandant, später General der Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg. Der deutsche Kaiser war aber nicht der einzige Gast: ausländische Offiziere repräsentierten insgesamt 21 Länder aus allen Kontinenten.

Aufklären und informieren

Heuer jährt sich dieses Ereignis zum hundertsten Mal. Unter dem Patronat der Politischen Gemeinde Kirchberg soll dieses Ereignisses mit verschiedenen Anlässen gedacht werden. Christoph Häne, Gemeindepräsident, sagt: «Wir wollen nicht Krieg spielen, sondern des Anlasses gedenken, informieren und aufklären.» Es solle bestimmt nicht Krieg verherrlicht werden. «Weil das Ereignis zu jener Zeit eine grosse Bedeutung hatte, sollten wir aber daran erinnern.» Das ist eines von vier Zielen, welches eine Arbeitsgruppe formuliert hat. Ein weiteres ist: Einblicke in die historischen Zusammenhänge und das damalige Umfeld vermitteln. Auch soll das gesellschaftliche Leben gefördert werden. Die Aktivitäten (siehe Kasten) sollen über die Gemeindegrenzen hinausstrahlen.

Wie ein Popstar

Armin Eberle, Historiker und Mitglied der Arbeitsgruppe, leuchtet das Thema aus der Warte des Historikers aus. Er sagt: «Die Geschichtsforschung ist sich heute weitgehend einig, dass es sich in erster Linie um ein grosses gesellschaftliches Ereignis handelte.» Die Theorie, der deutsche Kaiser wollte die Fähigkeiten der Schweizer Armee testen, entbehre jeglicher Grundlage. «Eines geht auch schnell vergessen», führt Eberle, aus, «im Jahr 1912 wussten die Menschen noch nicht, dass bald der Erste Weltkrieg ausbrechen würde.» Diese Verknüpfung sei aber heute allzu schnell gemacht. Im Jahr 1912 waren die Schweizer vom Besuch begeistert, wie wenn heute ein Popstar käme: «Die Begeisterung für den deutschen Kaiser Wilhelm II. war tatsächlich enorm. Sein Besuch stiess – abgesehen von sozialdemokratischen Kreisen – überall auf Wohlwollen», sagt Eberle. Zu jener Zeit bewunderte man die Potenz des deutschen Kaiserreichs als militärisch wie wirtschaftlich erfolgreichste Macht in Europa. Zu jener Zeit herrschte daher – in der Deutschschweiz – eine grosse Deutschfreundlichkeit. Das frankreich-orientierte Welschland war da anderer Ansicht.

Eine Zeit des Aufbruchs

Am Samstag und Sonntag, 8. und 9. September, findet der eigentliche Gedenkanlass auf dem Kaiserhügel in Kirchberg statt: mit Musik und Zeitbildern. Die Zeitbilder sollen die Besucher in die Zeit vor hundert Jahren mitnehmen: Oldtimer aus jener Zeit werden zu sehen sein wie auch das Soldatenleben vor 100 Jahren. Weitere Zeitbilder veranschaulichen die Wald- und Landwirtschaft zu jener Zeit.

«Eine Zeit des Aufbruchs», weiss Armin Eberle. «Alles ist machbar, war die damalige Devise», sagt der Historiker, «Wohlstand und Fortschrittsglaube herrschten vor.» Es war der Höhepunkt des Stickerei-Booms. Auch in Sachen Mobilität lief einiges. 1910 ging der Rickentunnel in Betrieb, im Jahr 1912 wurde die Jungfraubahn eröffnet. Weitere Infrastrukturprojekte waren angedacht. Das Projekt einer Schmalspurbahn von Wil nach Kirchberg beispielsweise. Auch über eine «Hörnlibahn» wurde diskutiert. Doch beide Projekte konnten nie realisiert werden: «Der Erste Weltkrieg setzte all diesen Projekten und eben auch Träumen ein Ende», schreibt Historiker Armin Eberle in einem Buch über die Gemeinde Kirchberg.

Die Kaiserlinde oberhalb des Dorfes Kirchberg. Sie wurde im Jahr 1912 gepflanzt und erinnert an den Besuch des Kaisers Wilhelm II.

Die Kaiserlinde oberhalb des Dorfes Kirchberg. Sie wurde im Jahr 1912 gepflanzt und erinnert an den Besuch des Kaisers Wilhelm II.

Historisches Bild: Eine Artilleriestellung im Manövergelände. Im Hintergrund die Zuschauermenge. (Bild: zVg)

Historisches Bild: Eine Artilleriestellung im Manövergelände. Im Hintergrund die Zuschauermenge. (Bild: zVg)

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