Gedanken eines säkularen Nichtparlamentariers

Zum Bettagsaufruf von 113 Parlamentariern

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Zum Bettagsaufruf von 113 Parlamentariern

In der Presse ist kürzlich über den Bettagsaufruf von 113 Parlamentariern zum Thema Dankbarkeit und Genügsamkeit berichtet worden. Als säkularer Nichtparlamentarier hätte ich spontan, überzeugt und ohne Berührungsängste diesen Aufruf unterschrieben, auch wenn er aus religiöser Sicht formuliert ist. Weshalb? Kurz gesagt: Dankbarkeit und Genügsamkeit sind in heutiger Zeit zentrale Gegenentwürfe zur verheerenden Globalisierung mit ihrer Gier, dem gewissenlosen Profitdenken und dem schrankenlosen Machtstreben. Wozu rufen unsere Parlamentarier auf? Zuerst «zum Bewusstsein, dass es in unserem Land ein ständiges Suchen nach Ausgewogenheit unter den zahlreichen sprachlichen, politischen und religiösen Minderheiten braucht».

Schon alleine dazu braucht es von uns allen Genügsamkeit in Form von Grossmütigkeit, Zurückhaltung, Sorgfalt und dem Wissen, dass gerade diese Ausgewogenheit der Schweiz seit bald zwei Jahrhunderten Frieden und Prosperität beschert hat.

«Für diese Freiheit dankbar zu sein», heisst doch nichts anderes, als sich der geschichtlichen Entwicklung und Leistung unserer Vorfahren bewusst zu sein. Wir laufen heute Gefahr, in unserer satten Genügsamkeit – die aber nichts anderes als bequeme Interesselosigkeit und mangelndes geschichtliches Wissen widerspiegelt – unseren Lebensstandard, die ganzen Errungenschaften zivilisatorischer Entwicklung als selbstverständlich hinzunehmen. Selten fragen wir uns, woher sie kommen, unter welchen Entbehrungen und Bedingungen sie geschaffen worden sind.

Kurz gesagt sind Dankbarkeit und Genügsamkeit nicht nur christliche Werte, sie finden sich in vielen Religionen. Indigene Völker weltweit leben uns diese Werte heute noch in eindrücklicher Weise vor. Also Gründe genug, diesen berührenden Aufruf zu beherzigen.

Roland Güttinger,

Tanneggerstrasse 11

8374 Dussnang