Gautschete bei nasskaltem Wetter

Drei Polygrafen der Galledia AG wurden nach bestandener Lehrabschlussprüfung in die Buchdrucker-Gilde aufgenommen. Dies mit der traditionellen Gautschete im Flawiler Bärenbrunnen. Rund 60 Eltern, Freunde, Arbeitskollegen und Ehemalige verfolgten dieses nasse Schauspiel.

Vivien Steiger
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Bild: VIVIEN STEIGER

Bild: VIVIEN STEIGER

FLAWIL. Wie es der Brauch verlangt, wurden die Lehrabgänger mit bestandener Prüfung mit traditioneller Zeremonie, dem Gautschen, in die Buchdrucker-Gilde aufgenommen. Dabei werden die Lernenden der Galledia AG auf einen nassen Schwamm gesetzt und in einen Brunnen geworfen. In diesem Fall in den Bärenbrunnen beim Flawiler Bärenplatz. Dies bei kaltnassem Dezember- Wetter, anstatt sommerlich-heissen Juni-Temperaturen.

Kabelbinder und Isolierband

Der ganze Spass hat schon in den Büros der Druckerei Flawil AG begonnen. «Hast du kurz Zeit?», fragt Marc Baumann die Polygrafin Pascale Baumann und packt die überraschte Lehrabgängerin von hinten. Auch Polygrafin Jasmin Kleflin kann nicht entkommen. Die zwei werden von ihren Arbeitskollegen festgehalten und mit Kabelbindern sowie Isolierband gefesselt. Aussagen wie «bitte nicht so fest, ich beweg mich auch nicht» oder «das könnt ihr doch nicht machen, es ist viel zu kalt heute!» werden mit Gelächter und frechen Kommentaren quittiert. Die zwei zappelnden und sich sträubenden Mädchen werden unter Protesten zur Rampe gebracht und getragen, wo ihr Polygrafen Kollege Kim Schläpfer schon sitzend, gefesselt und bewegungsunfähig gemacht auf sie wartet. Die drei Abschliessenden werden in einen Leiterwagen verfrachtet. Doch Pascale wehrt sich vehement. Da packt sie ein jüngerer Herr und hebt sie mit dem Kommentar «Du bist ja handlich», auf. Im unbequemen Leiterwagen werden sie mit weiteren Kabelbindern an den Wagen angebunden. Jegliche Fluchtmöglichkeiten sind somit ausgeschlossen. «Du kannst deine Füsse auf meinen Speck legen», hören die Zuschauer eine weibliche Stimme aus dem Wagen sprechen. Kurz darauf sagt eine zweite: «Ich muss es mir ja auch bequem machen.»

Unfreiwillige Wassertaufe

«Perfektes Gautschwetter», sagt eine Zuschauerin im Nieselregen stehend, mit einem Lachen die dunkelgrauen Wolken betrachtend . Die zwei Packer Marc Baumann und Marc Thaler ziehen den Leiterwagen zum Bärenplatz, wo schon rund 60 Personen versammelt sind: Eltern, Verwandte, Freunde, Ehemalige. Dort werden die drei Lehrabgänger nach dem Verlesen des Gautschbriefs durch Gautschmeister Barbara Märkli von ihren Arbeitskollegen gegautscht. Nass werden aber auch alle anderen, die zu nahe beim Brunnen stehen.

Nach der unfreiwilligen Wassertaufe spritzt das kalte Nass in alle Richtungen. Und danach schlottern und zittern Jasmin, Pascale und Kim um die Wette: «Wir dachten, dass die Gautschete heute nicht durchgeführt wird, weil es kalt ist und regnet.» Dann wird von allen Seiten gratuliert, umarmt, Glückwünsche werden ausgeteilt und mit einem kühlen Getränk angestossen. Zum Glück auch – bei dieser Hitze.