Gastgeberin aus Leidenschaft

Wiler Persönlichkeiten – Teil 5: Rosa Sutter-Schnyder gehörte zusammen mit ihrem Ehemann Walter während 28 Jahren zu den Protagonisten der Wiler Gastroszene. Von den Fasnachtsdekorationen in der «Ilge» wird noch heute geschwärmt.

Friedrich Kugler
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«Ich bin glücklich, wenn ich jeden Tag gesund aufstehen darf. Meine Familie bereitet mir grosse Freude. Etwas Schöneres kann man sich in meinem Alter gar nicht wünschen. Wer zufrieden ist, unterstützt die Gesundheit», sagt Rosa Sutter zu Beginn des Gesprächs. Zusammen mit ihrem schon 1989 verstorbenen Ehemann führte sie während 28 Jahren das Restaurant Ilge. Als umsichtige Wirtin aus Leidenschaft war ihr Ruf weit über die Region Wil hinaus legendär. Noch heute schwärmen viele ältere Wiler von der Fasnachtszeit in der «Ilge».

In erster Linie war die «Ilge» mit dem grossen Kastanienbaum in der Gartenwirtschaft ein beliebtes Speiserestaurant. «Mein Mann kochte, und ich schaute für den Betrieb. Unser Ziel war es, ein gutes Essen zu einem vernünftigen Preis anzubieten und den Gästen ein stets gepflegtes, sauberes Lokal zu präsentieren. Jeden Freitag dekorierte ich die Tische mit frischen Blumen», blendet Rosa Sutter zurück.

Die Menschen mögen

Nach dem Erfolgsrezept der «Ilge» befragt, meint Rosa Sutter: «Wer im Gastgewerbe Erfolg haben will, muss neben einer gepflegten Küche die Menschen mögen. Bei uns fühlten sich die Gäste immer wohl.» Die Konkurrenz war in Wil in den 1950er-Jahren sehr gross. Rund 125 Restaurants – heute sind es um die 80 – buhlten um die Gunst der Kunden. Die meisten Gäste waren schon damals anspruchsvoll. Die «Ilge» war ein sicherer Wert und lief hervorragend. Walter Sutter, der sich als Quereinsteiger als begnadeter Koch erwies, traf den Geschmack der Wiler. Als gelernter Metzger lag ihm nicht nur der richtige Umgang mit dem Fleisch am Herzen, sondern auch eine exakte, saubere Arbeitsweise. Zu den «Ilge»-Hausspezialitäten zählten damals das geschnetzelte Kalbfleisch mit einer Curry-Rahmsauce und Rösti sowie das Entrecôte Café de Paris.

Hoch zu und her ging es in der «Ilge» jeweils in der Fasnachtszeit. Das Lokal war weitherum bekannt für seine phantasievollen Dekorationen. Selbst aus dem Kanton Zürich reisten Gäste an. Viele von ihnen konnten so auch ausserhalb der närrischen Zeit als Stammgäste begrüsst werden. Das zusätzlich rekrutierte Personal stammte schon damals vorwiegend aus dem Ausland. Dem Wirtepaar war aber eine anständige Bekleidung, wie sich Rosa Sutter ausdrückt, ein Anliegen. Dass auch die vier Kinder in ihrer Freizeit ab einem gewissen Alter regelmässig am Buffet und im Keller anpacken mussten, versteht sich von selbst.

Walter und Rosa Sutter führten die «Ilge» vorerst als Pächter, erwarben aber einige Jahre später das Gebäude, in dem sie auch wohnten. Weil sich die gesundheitlichen Probleme von Walter Sutter akzentuierten, gab das Paar den Betrieb im Jahr 1983 auf.

Ästhetin geblieben

Seit zwei Jahren lebt Rosa Sutter an der Oberen Bahnhofstrasse. Die von viel Licht durchflutete Wohnung präsentiert sich ebenso blitzblank wie einst die «Ilge». Wer sich umschaut, stellt unschwer fest, dass die einstige Wirtin auch im fortgeschrittenen Alter eine Ästhetin geblieben ist. Am Leben der Stadt Wil nimmt sie nach wie vor regen Anteil. «Ich will informiert sein und bleiben», betont Rosa Sutter. So beginnt sie den Tag meistens mit der Lektüre verschiedener Zeitungen.

Das Mittagessen nimmt die gebürtige Toggenburgerin regelmässig in dem unter ihrer Wohnung liegenden Café-Restaurant Schöntal ein. Um sich über die Geschehnisse in aller Welt zu informieren, läuft am Abend jeweils der Fernsehapparat. Dass sie die Politik brennend interessiert, liegt auf der Hand, kann doch ihre 1963 als «Nachzüglerin» geborene Tochter Karin auf eine erstaunliche Karriere zurückblicken.

Stolz auf den Nachwuchs

Überhaupt: Auf ihre Kinder ist Rosa Sutter zu Recht stolz: «Alle vier sind gut geraten und sehr gut zu mir.» Die Söhne haben es zum Bankdirektor, zum Berufsschullehrer und zum Journalisten gebracht. Und dann gibt es da noch die bereits erwähnte Tochter Karin, welche die Wahl zur Bundesrätin im Herbst 2010 nur knapp verpasste. Vor einem Jahr wählte sie das St. Galler Stimmvolk zur Ständerätin. Was Rosa Sutter am meisten freut, ist die Tatsache, dass Karin und deren Ehemann Morten sie jeweils am Samstag und Sonntag zum Essen einladen. Mit von der Partie ist jeweils auch der Vater von Morten Keller. Bei den Tischgesprächen wird die Politik in der Regel ausgeklammert. So war es für Rosa Sutter eine Überraschung, als sie vor dem Fernsehapparat mitverfolgen durfte, wie ihrer Tochter vor einem Jahr in der Kategorie «Politik» der «Swiss Award» verliehen wurde.

In einer losen Serie porträtiert die Wiler Zeitung Persönlichkeiten aus der Stadt Wil, die sich im Ruhestand befinden. Sie zeigt auf, wie diese nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben ihren Gewinn an Freizeit nutzen und dabei zu teilweise neuen Ufern aufbrechen.

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