FUSSBALLTHEATER: Ein Trauerspiel ist keine Tragödie

Wie im griechischen Theater scheint auch beim FC Wil das Scheitern der Helden unausweichlich. Das bedeutet aber nicht deren Untergang. Aristoteles sah die Tragödie als Nachahmung einer guten Handlung.

Hans Suter
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Fussball: Im Vordergrund stünde der Sport, wenn nur das Geld nicht wäre. (Bild: Rainer Bolliger)

Fussball: Im Vordergrund stünde der Sport, wenn nur das Geld nicht wäre. (Bild: Rainer Bolliger)

Hans Suter

hans.suter@wilerzeitung.ch

Es geht um Fussball. Diese scheinbar banale Feststellung gilt es aktuell an den Anfang jeglicher Diskussion um den FC Wil zu stellen. Weil davon bestenfalls noch an Spieltagen die Rede ist, wenngleich auch da nur noch am Rande. Es geht dennoch um Sport. Und wenn es sich um Sport dreht, ist Geld nicht weit. Oder vielmehr so weit, dass nur noch davon die Rede ist. Wie aktuell beim FC Wil.

Der Geldsegen der türkischen Investoren hat viel bewirkt: Es flossen Millionen in Löhne und Dienstleistungen. Es wurde eine der teuersten Mannschaften des Landes zusammengestellt. Das wiederum generierte Einnahmen für das Gewerbe und das Steueramt.

Der Keim der Tragödie ist der Hochmut

Nun ist der Traum vom aufstrebenden FC Wil geplatzt. Zurück bleiben rote Köpfe, Schuldzuweisungen, Streit um Lohnkürzungen. Dass Stadtpräsidentin Susanne Hartmann dem erneut amtierenden FC-Wil-Präsidenten Roger Bigger öffentlich den Rücktritt nahelegte, macht das Schauspiel perfekt. «Das Scheitern des Helden ist in der Tragödie unausweichlich; die Ursache liegt in der Konstellation und dem Charakter der Figur», lehrt das Lexikon. Der Keim der Tragödie ist schliesslich, dass der Mensch dem Hochmut verfällt und dem ihm vorbestimmten Schicksal durch sein Handeln entgehen will.

«Hochmut kommt vor dem Fall», lehrt der Volksmund. Den Hochmut beim FC Wil sehen die Kritiker darin, dass die grossen Aktionäre der türkischen Versuchung erlegen sind. Die MNG Group hatte grosse Pläne mit dem Wiler Challenge-League-Verein: Zuerst in die höchste Schweizer Liga aufsteigen und dann im europäischen Fussballgeschäft mitmischen. Welche Fussballerseele träumte nicht davon, wenn die Millionen plötzlich fliessen, das Budget vervierfacht werden kann, bisher unbezahlbare Spieler wie selbstverständlich im Bergholz ein- und ausgehen. Die Beweggründe der türkischen Investoren für das Abenteuer FC Wil haben sich bislang niemandem erhellt, hätten also ein Warnsignal sein können. Bei so viel Geld liegt die Devise «Es wird schon gut gehen» aber bedeutend näher. Statt im Glanz der Scheinwerfer der europäischen Fussballstadien steht der FC Wil nun vor einer Tragödie. Doch wie tragisch ist das?

Eine Tragödie ist nicht einem Trauerspiel gleichzusetzen. Nach Aristoteles ist die Tragödie die «Nachahmung einer guten, in sich geschlossenen Handlung mit guter Sprache und Abwechslungsreichtum in der Geschichte». Für den FC Wil kann das bedeuten: Der angeschlagene Held kann den Konkurs abwenden, der FC Wil bekennt sich fortan zur Challenge League und wird zum Partner des FC St. Gallen.14