Für viele ist er Schnee von gestern

ROSSRÜTI. Am Montag wird in Rossrüti der Hirsmontag gefeiert. Während dieses «Schmausen» in den Restaurants ursprünglich von Wilern gepflegt wurde, folgen heute meist nur noch Einheimische dem Brauch, Tendenz sinkend. Ein historischer Rückblick.

Ursula Ammann
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Die Kastanienbäume hinter der Tafel erinnern etwas an das Geweih, das der «Hirschkönig» am «Hirschmäntig» jeweils getragen haben soll. (Bild: uam.)

Die Kastanienbäume hinter der Tafel erinnern etwas an das Geweih, das der «Hirschkönig» am «Hirschmäntig» jeweils getragen haben soll. (Bild: uam.)

ROSSRÜTI. «Es soll den Kapuzinern wegen des Küechlimahles zwei und wegen des Hirsmontages ein Eimer Wein gegeben werden», beschloss der Rat von Wil im Jahr 1771. Diesen «ersten Hinweis» auf den Hirsmontag in der Region Wil hat der kürzlich verstorbene Wiler Geschichtenforscher Willi Olbrich in seinem Buch «Rossrüti und der <Hirsmäntig>» festgehalten. Weiter zitiert er eine Schrift aus dem Provinzarchiv der Schweizer Kapuziner, wo es heisst: «Am Hirsmontag wurden – seit wann ist nicht bekannt – eine Anzahl Herren von Wil zum Mittagessen eingeladen.» Jedoch stellte der Provinzarchivar den Zusammenhang zwischen diesem Herrenessen des Klosters Wil und dem Brauch des Hirsmontags in Rossrüti in Abrede, wie dem Buch weiter zu entnehmen ist.

Der Hirschkönig

Der Wiler Volkskundler und Bezirksammann Gottfried Kessler, soll hingegen recherchiert haben, dass sich am Montag nach dem Funkensonntag – er bezeichnet diesen als «Hirschmontag» – «eine Anzahl fröhlicher Gesellen aus der Äbtestadt» im Gasthaus zum Rössli in Rossrüti eingefunden haben soll, wo die Wahl eines «Hirschkönigs» anstand. Dieser präsidierte dann die Tafelrunde mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf. Über den Schabernack, der dort getrieben wurde, soll sogar Protokoll geführt worden sein. «Leider sind die im <Rössli> einst aufbewahrten Protokolle verloren gegangen, und heute ist auch das Hirschgeweih nicht mehr aufzufinden», schreibt Willi Olbrich in seiner historischen Abhandlung und stellt die Frage: «War es ein Verein mit Protokollführung oder eine Gruppe nimmersatter Fastnächtler, die es am Hirsmontag ins benachbarte Rossrüti hinauszog, um dort – weit weg von dem durchs Fastenopfer geprägten Wil und in moralischer Verbundenheit mit den Kapuzinern – ihren Schabernack treiben zu können?» Schliesslich kommt Olbrich aber zum Schluss, dass die Wiler am «Hirsmäntig z'Rossrüti» so «unschuldig» nicht gewesen sein dürften.

Freinacht wenig genutzt

Die Tradition hat sich bis heute gehalten. Ab Mittag trifft man sich in den Dorfbeizen, die an diesem «Feiertag» meist mit spezifischen Hirsmontags-Gerichten, wie beispielsweise Chäschüechli, aufwarten. Die Guggenmusik Rossbolle führt an diesem Tag jeweils die Hirsebeiz. Der Hirsmontag sei bis vor etwa 40 Jahren noch von Besuchern aus Wil dominiert gewesen, weiss Andreas Breitenmoser, Präsident der Guggenmusik. Mehr und mehr nahmen auch die Rossrütemer an diesem Anlass teil. Mittlerweile hat sich das Blatt ganz gewendet. Jene Generation von Wilern, welche die Tradition des Hirsmontag noch pflegte, gibt es nicht mehr. In den vergangenen zehn Jahren seien in den Restaurants meistens nur noch Einheimische anzutreffen gewesen, erklärt Andreas Breitenmoser. Auch diese folgen dem Brauch immer weniger. In letzter Zeit seien die Besucherzahlen stets zurückgegangen. Auch die Freinacht werde selten noch genutzt, fügt Andreas Breitenmoser an.

«Ideenreiche Leute»

Doch wird der Hirsmontag nach der Fusion nun auch für die Wiler wieder etwas interessanter? «Es wäre wünschenswert», betont Andreas Breitenmoser. Zum jetzigen Zeitpunkt könne man dies noch nicht sagen. «Wir hoffen sehr, dass wieder mehr Leute kommen», ergänzt er. An der Tradition werde sich aber auch nach der Fusion nichts ändern. Der Hirsmontag soll vor der Jahrhundertwende in vielen Schweizer Gemeinden zur Volksbelustigung beigetragen haben.

Dazu schreibt Willi Olbrich: «Nicht jede Ortschaft verstand es, daraus einen Festtag zu machen, aber wo es unternehmerische und ideenreiche Leute gab und gibt, da pflegte und pflegt man den alten Brauch des ursprünglichen, üppigen Schmausens.»

Der Hirsmontag fällt dieses Jahr auf den 18. Februar. Der traditionelle Rossrüter Anlass findet in diversen Restaurants im Dorf statt: Im Sternen, im Rössliguet und im Valentino. Die Guggenmusik Rossbolle wird ab 17 Uhr wieder mit der Hirsebeiz präsent sein, diesmal im neuen Freizeithaus.