«Für ihr Alter noch gut im Takt»

Sie ist über 100jährig und von nationaler Bedeutung: Die Goll-Orgel in der Kirche Feld. Nun steht die Frage nach einer Gesamtsanierung des Instruments im Raum. Um diese finanzieren zu können, werden verschiedene Register gezogen.

Ursula Ammann
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FLAWIL. Mal lieblich wie ein Himmel voller Geigen, mal gedämpft wie herannahende Trompeten, mal tief und düster wie die Stimmen russischer Kosaken: Betört von der Fülle an Klangfarben, sitzt Organist Gerd Spycher auf der Orgelbank und lässt die Finger über die Tasten gleiten. Hinter seinem Rücken befinden sich im Orgelgehäuse Tausende an Pfeifen: grosse, kleine, hölzerne, metallene.

Gerd Spychers Improvisation mutet an wie ein Requiem, eine Totenmesse. «Es wäre sehr traurig, wenn diese Orgel nicht saniert würde», sagt er, während leise die restliche Luft aus dem pneumatisch betriebenen Instrument säuselt. Beim Bau dieser Orgel sei nur das beste Material verwendet worden, weshalb sie für ihr Alter auch noch gut imstande sei.

Ein Kind der Spätromantik

Das Instrument aus dem Hause Goll kam 1911 nach Flawil in die neu erstellte Kirche Feld. «Sowohl die Kirche als auch die Orgel lagen damals total im Trend», erklärt Daniela Zillig-Klaus, Co-Präsidentin der evangelischen Kirchenvorsteherschaft. «Sie repräsentierten das zu dieser Zeit florierende Flawil.»

Mit ihrer Vielzahl an Registern, die darauf ausgelegt sind, die Klangfülle eines Sinfonieorchesters herzustellen, ist die Goll-Orgel ganz deutlich ein Kind der Spätromantik. Damals stand die «Vermischung» der Stimmen im Vordergrund. Die Orgel sollte möglichst sinfonisch klingen. Doch im Lauf der Jahre wandte sich der Zeitgeschmack in der Kirche wieder mehr und mehr dem Barocken zu. Vermehrt war in der Kirche Feld statt eines Johannes Brahms oder Max Regers wieder ein Johann Sebastian Bach zu hören. Damit passte die Goll-Orgel nicht mehr ins Konzept.

In Dornröschenschlaf versenkt

In den 1970er-Jahren wurde eine neue Orgel angeschafft: eine mechanische. Diese eignete sich im Vergleich zur pneumatischen Goll-Orgel, bei welcher der Ton breit, tragend und immer mit einer kurzen Verzögerung erklingt, besser für die Chorbegleitung und für barocke Tonfolgen. Währenddessen versank die Goll-Orgel in einen rund 20jährigen Dornröschenschlaf, bis sich ein Organist ihrer wieder annahm.

Heute klopfen viele Musikstudenten in Flawil an, um sich ein Bild von der Goll-Orgel zu machen. «Zudem gibt es viele namhafte Organisten, die interessiert sind, darauf zu konzertieren», berichtet Daniela Zillig-Klaus.

Sie ist überzeugt, dass dieses Interesse durch eine Sanierung der Orgel ein Fortissimo erleben würde. Gerd Spychers Finger wandern erneut über den Spieltisch. Bei einer D-Taste stockt er. Der Ton ist ausgeblieben. «Hier ist das Ventil kaputt», erklärt Gerd Spycher. Dies wäre jedoch nur ein Ton in der Restaurierungs-Melodie.

Denkmalpflegerische Aufgabe

Für Daniela Zillig-Klaus ist klar: «Je länger man wartet, desto mehr müsste man sanieren.» Und sie betont gleichzeitig die denkmalpflegerische Aufgabe der Kirche.

Bei einer Konsultativabstimmung unter der Kirchbürgerschaft zeichnete sich der Tenor zugunsten einer Sanierung ab. Eine Kommission, zu der auch Daniela Zillig-Klaus und Gerd Spycher gehören, wurde damit beauftragt, die nötigen Schritte und deren Kosten zu prüfen. Letztere werden derzeit auf rund 340 000 Franken geschätzt. Bereits abgezogen davon sind die von der Denkmalpflege in Aussicht gestellten Subventionen von rund 80 000 Franken. Im Rahmen von «Spiel-Orgel-spiel» werden Benefizkonzerte zugunsten einer Sanierung veranstaltet. «Den Grossteil der Kosten wollen wir vermutlich übers Sponsoring decken», sagt Daniela Zillig-Klaus. Der musikalische Zeitgeist in der Kirche sei heute weder ausschliesslich barock noch ausschliesslich romantisch, sondern stehe für die vielseitigen Möglichkeiten, sagt sie. Diese könnten die Goll-Orgel und ihre mechanische Nachfolgerin gut ausschöpfen.