Für gutes Fleisch ein Lastwagen-Führerschein

Mit 22 Jahren zog es ihn ans andere Ende der Welt. Die Zeit als Neuseeland-Auswanderer hat den 82-jährigen Wolfertswiler Norbert Weishaupt geprägt. «Es war eine enorme Bereicherung, die bis heute nachwirkt», sagt er. Morgen Nachmittag, 14 Uhr, spricht er im Restaurant Löwen über sein Leben.

Andrea Häusler
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Ursula und Norbert Weishaupt in ihrem Eigenheim in Wolfertswil. Die Jagdtrophäen an der Wand erinnern an die Jahre in Neuseeland. (Bild: Andrea Häusler)

Ursula und Norbert Weishaupt in ihrem Eigenheim in Wolfertswil. Die Jagdtrophäen an der Wand erinnern an die Jahre in Neuseeland. (Bild: Andrea Häusler)

Man schrieb das Jahr 1957. Kein Jahr, das aufhorchen lässt, dennoch aber Welt-, und insbesondere Lokalgeschichte schrieb. Während die Sowjetunion mit Sputnik I und II die ersten Satelliten in den Orbit schickte, Malaysia die Unabhängigkeit feierte, in Rom die EWG-Verträge unterschrieben und in Liverpool-Woolton die ersten Schritte zur «Beatles»-Gründung getan wurden, packte in Zürich ein Wolfertswiler die Koffer: Norbert Weishaupt, 22-jährig und Metzger von Beruf. «Ich wollte auswandern», sagt er. Der heute 82-Jährige sitzt in der Küche seines Hauses am Dorfrand Wolfertswils, das er mit seiner Frau Ursula seit über vierzig Jahren bewohnt. Nebel hängt über dem Garten, schmälert den Blick auf die Hochbeete und das Bienenhaus, das bis vor kurzem noch bevölkert gewesen war. Zeit, um Rückschau zu halten.

Gratisreise ins Abenteuer

Zwei Destinationen hätten damals zur Diskussion gestanden, erinnert sich Norbert Weishaupt: Kanada und Neuseeland. Dass es den abenteuerlustigen Jungspund letztlich ans andere Ende der Welt verschlug, hatte finanzielle Gründe. «Neuseeland suchte Berufsleute, weshalb jenen Immigranten die Schiffsreise bezahlt wurde, die sich für zwei Jahre verpflichteten.» Die Chance wollte sich Weishaupt nicht entgehen lassen.

Einige Wochen und administrative Hindernisläufe später fand er sich im Flugzeug nach Schottland wieder. Bereit, in Glasgow an Bord der «Captain Cook» zu gehen. Zusammen mit rund 1200 weiteren Gratis-Ticket-Passagieren. Die einzigen Deutsch sprechenden Gäste, um die 15 Schweizer, hätten sich rasch gefunden, erzählt Norbert Weishaupt, dessen sprachliches Rüstzeug sich auf die Ergebnisse einiger Englischlektionen an einer Sprachschule beschränkte.

Karibische Delikatessen aus Curaçao

Die vielen amüsanten Episoden aus dem Schiffsalltag, die Norbert Weishaupt preisgibt, spiegeln eindrücklich den Geist der damaligen Zeit. Frauen und Männer hätten in getrennten Bereichen geschlafen, schmunzelt er und erwähnt gespielt beiläufig, dass die «englischen Girls» schon Interesse an ihm gehabt hätten. «Passiert» sei jedoch nichts. Wie auch? Ein Uniformierter, eine Art «Hüter von Sitte und Moral», habe dies zu verhindern gewusst.

Nach 12 Tagen ging die «Captain Cook» in Curaçao vor Anker. Und hier gab es jene Delikatesse, die zu Hause nur den Babys vorbehalten war: Bananen. Weishaupt kaufte so viele, dass sie für die dreiwöchige Weiterfahrt durch den Panamakanal nach Wellington reichten.

Ein LKW-Ausweis ohne LKW-Prüfung

In Neuseeland lebte der Jungmetzger in Wohngemeinschaft mit drei Schweizern in einem «Boardinghaus», das unter helvetischer Führung stand. Und er arbeitete als Zerleger in einer Metzgerei. «Beruflich habe ich nichts gelernt», sagt er, «aber in den sechs Jahren meines Aufenthalts ein neues Lebensgefühl entwickelt.» Denn Freizeit habe in Neuseeland eine weit grössere, Prestige eine geringere Bedeutung: «Ich übte mich im Kochen, Haushalten und ich genoss das Leben. Letzteres als leidenschaftlicher Fischer, Jäger, Taucher und Fotograf.

Hin und wieder war er für seinen Chef unterwegs, um Fett abzuholen, das dieser «ausliess» und als Schmalz exportierte. Eine Lastwagenprüfung hatte er nicht, aber einen LKW-Ausweis: eingetauscht gegen ein ordentliches Fleischpaket.

Heimkehr mit blutendem Herzen

Ganz freiwillig ist Norbert Weishaupt 1963 nicht zurückgekehrt. Er tat es der Eltern wegen, die inzwischen in Wil lebten, aber auch um seine Wolfertswiler Jugendfreundin Ursula Eigenmann wiederzusehen. Denn von dieser wusste er, dass sie als Au-pair in England gewesen war: Englisch verbindet, hoffte er. Der Kontakt mit der Schweiz sei tatsächlich stets spärlich gewesen: «Man schrieb Briefe und an Weihnachten wurde telefoniert: drei Minuten lang für 50 Franken.»

Weishaupt hatte die Rückfahrt mehrmals gebucht und storniert, bevor er im Januar 1963 via Australien und den Suezkanal nach Neapel und dann in die Schweiz reiste. Wenn auch nicht für immer. Nach der Heirat mit seiner Ursula im Sommer 1964 zog er mit ihr für weitere vier Jahre nach Neuseeland. Hier wurde auch Sohn Michael geboren, der, wie seine beiden Töchter, auch die neuseeländische Staatsbürgerschaft besitzt.

Die weitere Familienplanung führte die Weishaupts dann endgültig in die Schweiz zurück: Der Hausbau stand an, die Familie wuchs auf fünf Personen. Norbert Weishaupt hatte bei der Micarna in Bazenheid eine Anstellung gefunden und blieb dem Unternehmen 32 Jahre lang treu.

Ruhe auf dem Zwinglipass

Neuseeland hat er später noch sechsmal gesehen: zweimal ferienhalber mit seiner Frau, viermal als Reisebegleiter für Senioren, die dort ihre Angehörigen besuchten. Inzwischen ist Norbert Weishaupt sesshafter geworden: Die Reiseziele seien näher gerückt, sagt er. Zuweilen auch höher: Dann, wenn er eine Woche lang als Hüttenwart auf dem Zwinglipass weilte: ohne Fernseher, Radio und ohne Fernweh.

Morgen Dienstag, 20. November, wird Norbert Weishaupt auf Einladung des Kultur- und Heimatvereins Magdenau–Wolfertswil im Restaurant Löwen, Wolfertswil, aus seinem bewegten Leben erzählen. Der Bild-Vortrag unter dem Titel «Biografische Schätze entdecken» beginnt um 14 Uhr und dauert rund 90 Minuten. (ahi)