«Für das Buffet werden wir noch eine kreative Alternative finden»: Die Kunsthalle Wil eröffnet am Samstag ihre erste Ausstellung nach dem Lockdown

«Yes! Yes! Yes! No! No!» heisst das Ausstellungsprojekt der Künstlerin Olivia Wiederkehr zum Thema Freiheit, das am Samstag in der Kunsthalle Wil Vernissage feiert.

Tobias Söldi
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Ein Blick in das Atelier von Olivia Wiederkehr.

Ein Blick in das Atelier von Olivia Wiederkehr.

Sebastian Mayer / Aeiou

Was haben wir unsere Freiheit vermisst: sich uneingeschränkt im öffentlichen Raum zu bewegen, sorglos Freunde und Familie zu besuchen, sich zum Mittagessen in einem Restaurant zu treffen. Der wochenlange Lockdown zeigte eindrücklich auf, wie viele Freiheiten wir für selbstverständlich nehmen – und wie beraubt wir uns fühlen, wenn wir diese plötzlich nicht mehr ausleben können.

Die Einschränkung unserer Freiheit war aber nicht nur eine der spürbarsten Auswirkungen der Coronapandemie, Freiheit ist auch das Thema der kommenden Ausstellung in der Kunsthalle Wil. «Yes! Yes! Yes! No! No!» heisst das Ausstellungsprojekt der Künstlerin Olivia Wiederkehr, das am Samstag Vernissage feiert.

Ausstellung mit zusätzlicher Aktualität

Ein Zufall? «Ja», sagt Kuratorin Sonja Rüegg auf Nachfrage. «Olivia Wiederkehr beschäftigt sich schon lange mit diesem Thema.» Aber, ergänzt sie, die Ausstellung gewinne natürlich an Aktualität:

«Für die Besucherinnen und Besucher schwingen die Freiheitsbeschränkungen aufgrund der Coronapandemie mit, wenn sie sich mit der Ausstellung beschäftigen.»
Sonja Rüegg, Kuratorin der Kunsthalle Wil.

Sonja Rüegg, Kuratorin der Kunsthalle Wil.

Benjamin Manser

So geht es in «Yes! Yes! Yes! No! No!» nicht um die neugewonnene Freiheit, in einer Bar ein Bier trinken zu können, sondern um politische Freiheit. Wiederkehrs Ausstellung liegt Hannah Arendts Essay «Die Freiheit, frei zu sein» zugrunde.

In diesem in den 60er-Jahren entstandenen, aber erst 2018 erschienenen Text beschreibt die deutsch-amerikanische Philosophin und Publizistin die Freiheit als einen Raum, der von Menschen aktiv behandelt werden soll.

Eine «spannende, konsequente Künstlerin»

Dieser Gedanke äussert sich bei Olivia Wiederkehr in einer ganzen Reihe von Fragen: Wie wird ein solcher Raum produziert? Wie definiert sich Freiheit als eine Kraft des Widerstandes? Gibt es künstlerisch-ästhetische Praxen oder Strategien, mit denen das eigene Umfeld und der individuelle Raum ausgelotet, vergrössert oder gar verfestigt werden können?

Wiederkehr entwerfe in «Yes! Yes! Yes! No! No!» ihre eigenen gedanklichen Strategien und Handlungsfelder und involviere dabei die Besucher in diesen Gedankenprozess mit einer atmosphärischen Installation, heisst es im Ausstellungsbeschrieb.

Eine «spannende, konsequente Künstlerin, die Risiken sucht», charakterisiert Kuratorin Rüegg die 45-Jährige, die auf eine lange Liste von Einzel- und Gruppenausstellungen sowie Performances zurückschauen kann.

Kreative Alternative gesucht fürs Buffet

Für die Kunsthalle Wil ist es die erste Ausstellung nach dem Lockdown – und trotz wiedergewonnener Freiheit ist vieles ein bisschen anders als noch vor einem halben Jahr: Abstandsregeln und Hygienevorschriften gelten auch in der Kunsthalle, Treppengeländer und Türfallen müssen regelmässig desinfiziert werden. Und:

«Für das Buffet an der Vernissage werden wir noch eine kreative Alternative finden.»

Sie ist trotz allem zuversichtlich: «Das Bedürfnis, sich mit Kunst zu konfrontieren und Themen des Alltags aus einer anderen Perspektive anzuschauen, besteht weiterhin.» Möglichkeiten dazu gibt es in diesem Jahr genug: Die Kunsthalle hat auch während der Sommerferien geöffnet, auch mit Blick auf diejenigen, die ihre Ferien zu Hause verbringen. Rüegg:

«Ich hoffe, dass die Leute trotz Distanz und Rücksichtnahme die gesellschaftlichen und sozialen Gepflogenheiten wieder aufnehmen.»

Hinweis: Ausstellungseröffnung: Samstag, 27. Juni, 11 Uhr; Eröffnungsapéro 14 Uhr. Am Sonntag, 5. Juli, ist die Künstlerin vor Ort. Finissage: 16. August, 16 Uhr. Weitere Infos unter www.kunsthallewil.ch.