Früher half nur beten: Im alten Wil wurden Krankheiten von finsteren Mächten und ihren Helfern geschickt

Durch die Coronapandemie bekommt das Gesundheitswesen viel Aufmerksamkeit. Wo heute wissenschaftliche Erkenntnisse die Debatte prägen, wurde früher ganz anders argumentiert.

Adrian Zeller
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Ehemals stand auf dem Wiler Kirchplatz das Heilig-Geist-Spital. Es war jedoch weniger ein Spital im heutigen Sinne, als viel mehr eine Unterkunft für Gebrechliche.

Ehemals stand auf dem Wiler Kirchplatz das Heilig-Geist-Spital. Es war jedoch weniger ein Spital im heutigen Sinne, als viel mehr eine Unterkunft für Gebrechliche.

Bild: PD

Dass die mittlerweile als Covid-19 bekannte Krankheit durch ein Virus, das Coronavirus, ausgelöst wird, ist wissenschaftlich gesichert. Die Deutung dieser Krankheit hätte in früheren Jahrhunderten wohl wesentlich anders gelautet: Sie wäre als Ergebnis eines sündigen Lebens sowie des Wirkens von dämonischen Mächten gewertet worden.

Manche Personen konnten angeblich anderen Krankheiten schicken und sie verwünschen. In der Folge wurden Frauen und Männer gefoltert und zum Teil hingerichtet. 1495 landete beispielsweise in Wil Adelheid Silber auf dem Scheiterhaufen, weil sie angeblich bei anderen Unheil angerichtet hatte und mit dem Teufel in Verbindung stand.

Beten gegen die Krankheit

Weil die Ursache von Krankheiten vor allem bei himmlischen und bei finsteren Mächten verortet wurde, waren die Gegenmittel Gebete, Bittprozession, Anrufung von Heiligen, Wallfahrten, Busse tun sowie Segnungen.

Um etwa die Pest einzudämmen, wurden Fürbitten an die Schutzpatrone gerichtet. Wil wurde 1610/1611 sowie von 1634 bis 1636 von Pestwellen heimgesucht, die vielen Menschen das Leben kostete. Erst 1894 erkannte der Schweizer Forscher Alexandere Yersin, dass die Krankheit von einem Bakterium namens Yersiania pestis übertragen wird.

Krankenbetreuung in christlichen Institutionen

Weil Krankheiten vor allem aus religiöser Perspektive interpretiert wurde, waren vor allem kirchliche Kreise für die Betreuung der Patienten zuständig. Die christliche Nächstenliebe war eine entscheidende Motivation für den Beistand von hilfsbedürftigen Personen.

So auch in Wil. An der Stelle des Kirchplatzschulhauses stand ab dem 13. Jahrhundert das Heilig-Geist-Spital. Es war nicht im heutigen Sinn eine Stätte der Behandlung von medizinischen Notfällen, es war eine Unterkunft für Gebrechliche und Arme.

In Wil gab es ein Siechenhaus

Die Krankenbetreuung aus christlicher Motivation macht sich auch im heute noch gebräuchlichen Begriff des Lazarett bemerkbar. Er ist von Krankenhäusern abgleitet, die dem heiligen Lazarus geweiht waren, der gemäss Bibel von Jesus von den Toten auferweckt wurde. Die Lepra wurde auch als Lazarus-Krankheit bezeichnet.

In Wil mussten Menschen mit einer ansteckenden Krankheit ab 1350 in einem Haus in der Nähe der Rundenzburgkreuzung leben. Es war als St.-Jakobs-Hüsli oder auch als Siechenhaus bekannt. Mit seinem Standort lag es ausserhalb der Stadtmauer.

Erstes Siechenhaus der Schweiz in St. Gallen

Mit «Siechtoum» wurde im Althochdeutschen im Mittelalter eine auszehrende Krankheit in Verbindung gebracht. Wortgeschichtlich steht es mit Saugen in Verbindung, womit ein saugender Dämon gemeint ist, der allmählich die Lebenskräfte des Patienten in sich aufsaugt.

Das erste Siechenhaus der Schweiz wurde im 8. Jahrhundert im Kloster St. Gallen gegründet. Später gab es etwa 195 von ihnen im ganzen Land. Meistens gehörten ein Wirtschaftsgebäude, eine Kapelle sowie ein Friedhof zu der Anlage. Bewohner der Siechenhäuser mussten mit spezieller Kleidung, besonderen Hüten und Lärminstrumenten Passanten vor sich warnen. (aze)

Die Wiler Geistlichen und das Kirchenvolk zogen früher regelmässig in einer Bitt- und Bussprozession feierlich zur Kapelle Gärtensberg. An dessen Fassade ist auf einer Inschrift zu lesen: «Zur Abwehr furchtbarer Seuchen war diese Kapelle 1633 von unseren Vätern gebaut und 1634 St. Martin, Sebastian und Rochus gewidmet. Im gleichen Vertrauen auf Gott und seinen heiligen starken Schutz haben wir, die Nachfahren, das Kirchlein 1909 und 1954 erneuert.»

In Wil wurde auf die Pestwellen mit Bittprozessionen zur Kapelle Gärtensberg reagiert.

In Wil wurde auf die Pestwellen mit Bittprozessionen zur Kapelle Gärtensberg reagiert.

Bild: PD

Glaube an himmlischen Beistand lebt weiter

Heute arbeitet das Gesundheitswesen mit Computertomografen und weiteren Hightech-Errungenschaften, doch der Glaube an himmlische Einflüsse bei Krankheit lebt noch immer fort. So wird etwa das gesegnete Agathabrot im katholischen Glauben als Schutz gegen Leiden der Brust sowie gegen Heimweh angesehen, der Blasiussegen seinerseits soll vor Halskrankheiten bewahren.

Neben Gebeten und Segnungen setzten die Menschen in der damaligen Volksmedizin auch auf Hilfe durch Heilpflanzen. In den Schreibstuben der Klöster hielten die Mönche das vorhandene Wissen über die einzelnen Arzneigewächse in Folianten in Text und Bild fest. In den Klostergärten wurden entsprechende Pflanzen gezogen notiert. Im Plan des Klosters St. Gallen von 819 ist ein Klostergarten zu erkennen.

Bis heute orientieren sich manche Menschen an Gesundheitsempfehlungen der Äbtissin und Mystikerin Hildegard von Bingen (1098–1179).

Aderlass war eine häufige Behandlungsmethode

In der mittelalterlichen Heilkunde vereinigten sich verschiedene Einflüsse. Zum einen orientierte sie sich bei der Interpretation von Krankheitsursachen und –symptomen auch an den Vorstellungen der Antike, in der das Gleichgewicht der Körpersäfte als entscheidend bewertet wurde. In der Folge war der Aderlass eine häufig verordnete Behandlung, die nach heutigen Erkenntnissen eher schadete als half.

Zum Teil spielte auch die Astrologie in den Behandlungen eine Rolle. Und auch Einflüsse der damals hochstehenden Heilkunde der arabischen Welt machten sich bemerkbar. Sie kamen mit den heimkehrenden Kreuzrittern nach Europa.

Zur Körperpflege ins Badhaus

Im Mittelalter und in der Folgezeit gab es kaum niedergelassene Ärzte im heutigen Sinne. Für die praktische Medizinaltätigkeit waren vor allem die Bader und Barbiere zuständig. Früher begab man sich zur Körperpflege in das Badhaus, da es in den Wohnhäusern kein fliessendes Wasser gab.

Badhäuser vereinigten damals verschiedene Dienstleistungsangebote: Haare, Bärte und Nägel schneiden sowie Rasieren, Wunden und Hautkrankheiten behandeln, Schröpfen, Aderlasse ausführen, Blutegel ansetzen, Klistiere verabreichen, Glieder einrenken, Flöhe beseitigen, Zähne ziehen sowie Massieren und Haut schrubben. In Wil steht ein ehemaliges Badhaus am Aufgang in die Altstadt und beherbergte bis vor kurzem ein Handelsgeschäft für skandinavische Produkten.

Vorläufer der Chirurgen

Früher kümmerten sich die Bader und die Barbiere um erkrankte Zähne.

Früher kümmerten sich die Bader und die Barbiere um erkrankte Zähne.

Bild: PD

Die entsprechenden Dienstleister wurden als Bader sowie als Scher oder Scherer bezeichnet. Sie waren die Vorläufer der späteren Chirurgen, ohne akademische Ausbildung. Die Feldscher ihrerseits waren für Wundversorgung der Soldaten bei Schlachten zuständig. Im Mittelalter wurde zwischen Chirurgus und Medicus unterschieden. Letztere waren studierte Ärzte, die nicht operierten. Die wenigen Ärzte, die es gab, lebten in grösseren Städten.

Bader nahmen in der pyramidenförmigen Hierarchie der mittelalterlichen Gesellschaft keine Spitzenplätze ein. Witwen von Scherern kamen jedoch oft leicht wieder unter die Haube, wegen der Gerätschaften ihres verstorbenen Mannes als Mitgift. Bader und Scherer hatten einigermassen sichere Einkünfte, wenn auch bescheidene. In manchen Badehäusern herrschten sehr lockere Sitten, in einigen gingen Prostituierte ihren Geschäften nach. Und manche Bader verdienten sich ein Zubrot als Heiratsvermittler.