Frosch namens Fedi ist gerettet

Die Schüler der Primarschule Rietwies in Balterswil sammeln jeden Morgen Frösche und Kröten ein, um sie über die Strasse zu tragen. Der Bichelsee ist das Laichgebiet der Tiere. Für grosse Kröten greifen die Elfjährigen zur Suppenkelle.

Nina Ladina Kurz
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Marion und Rihanna sammeln entlang der Turbenthalstrasse in Bichelsee Frösche und Kröten ein. Im nahen See werden die Tiere in den nächsten Wochen laichen. (Bild: Reto Martin)

Marion und Rihanna sammeln entlang der Turbenthalstrasse in Bichelsee Frösche und Kröten ein. Im nahen See werden die Tiere in den nächsten Wochen laichen. (Bild: Reto Martin)

BICHELSEE-BALTERSWIL. In Kübel Nummer 3 liegt der erste Frosch. Rihanna stupst ihn mit dem Kugelschreiber vorsichtig an. «Lebt der noch?», fragt sie ihre Freundin Marion. Auf einmal springt der Frosch in Richtung der Mädchen. Sie schreien auf und weichen sekundenschnell einen Schritt zurück. Marion beginnt zu lachen: «Ja, der lebt noch. Hol du ihn raus.»

Ein 1,5 Kilometer langer Zaun

Die beiden elfjährigen Mädchen retten die Frösche freiwillig vor dem sicheren Tod. Jedes Jahr müssen die Grasfrösche, Erdkröten und Bergmolche bei ihrer Wanderung vom Wald zum Bichelsee die Turbenthalstrasse überqueren. Ohne die Schutzzäune würden die meisten Tiere überfahren werden. So war es vor 1996, als nur wenige Privatpersonen sich um die Amphibien kümmerten. Ab dann übernahm Markus Stark die Koordination. Der Primarlehrer im Schulhaus Rietwies animierte die Schüler, aktiv mitzumachen.

Seither laufen die Kinder frühmorgens um sieben Uhr in Zweier- oder Dreiergruppen den 1,5 Kilometer langen Zaun ab und sammeln die Tiere ein, die entlang des Zaunes in eingegrabene Plastikkübel gefallen sind. Den Sammeldienst um acht Uhr abends übernehmen Erwachsene. So müssen die in der Dämmerung aktiven Amphibien auch nachts nie in Kübeln ausharren.

Zu Beginn landeten noch rund 600 Tiere in den Kübeln, im vergangenen Jahr waren es bereits über 2700. «Die Population hat sich erholt. Unsere Arbeit lohnt sich», sagt Stark. Rihanna und Marion macht die Freiwilligenarbeit Spass. «Das sind auch Lebewesen, und wenn wir nur einen von ihnen retten können, hat sich das frühere Aufstehen gelohnt», sagt Marion.

Zur Not mit der Suppenkelle

Unterdessen sind die Mädchen beim Kübel Nummer 10 angelangt. Rihanna trägt die Grasfrösche, Marion die Kröten. Sie haben noch acht Kübel vor sich. Erst fünf Tiere haben sie gesammelt. Anfassen wollen die Mädchen sie nicht, Marion nimmt zur Sicherheit die grosse Suppenkelle zur Hand. Rihanna hat dafür bereits ihr Lieblingstier ausgemacht. Einem Frosch klebt eine kleine Feder am vorderen rechten Bein. Er bekommt den Namen Fedi. Artgenossen, welche sich im Behälter über ihn legen, werden von Rihanna auf die Seite geschoben.

Auf einem Blatt Papier dokumentieren die Mädchen, wie viele Tiere und von welcher Gattung sie in welchem Kübel gefunden haben. Die Einteilung ist für das ungeschulte Auge nicht einfach. Ist es nun ein Grasfrosch oder doch eine Erdkröte? «Wir haben in der Schule gelernt, auf welche Merkmale wir achten müssen», sagt Marion. Eingesammelte Tiere werden während des Einsatzes immer wieder angeschaut – und zur Not auch mal in den anderen Behälter umverteilt. Die Daten werden später von Lehrer Stark an die Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz weitergeleitet.

Pünktlich in den Unterricht

Nach 45 Minuten haben die Mädchen den Zaun abgelaufen. Zum Schluss tragen sie die Frösche in den Plastikbehältern zum Bichelsee. Sorgsam werden die neun Amphibien ausgesetzt. Einige Tiere buddeln sich alsdann sofort ein. Frosch Fedi hüpft stattdessen mit grossen Sprüngen davon.

«Seht Ihr, das war eben doch der Coolste von allen», sagt Rihanna. Mit dem Velo fahren die Mädchen zurück nach Balterswil. Vielleicht schaffen sie es noch pünktlich zum Unterricht.

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