Fritz Studli

Das Zentrum, die Ödnis «Sieh es dir an, Cornelia, und dann sage mir, was du siehst! Siehst du Leben, Vielfalt, ein starkes Gewerbe, getragen von …» – Fritz Studli holt mit der Hand weit aus und zeigt in Richtung der Uzwiler Zentrumsüberbauung, will neu ansetzen, da

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Das Zentrum, die Ödnis

«Sieh es dir an, Cornelia, und dann sage mir, was du siehst! Siehst du Leben, Vielfalt, ein starkes Gewerbe, getragen von …» – Fritz Studli holt mit der Hand weit aus und zeigt in Richtung der Uzwiler Zentrumsüberbauung, will neu ansetzen, da unterbricht ihn seine Gattin, Cornelia Studli.

«Fritz, nun reg dich nicht gleich wieder auf! Wir wollen in Ruhe einen Kaffee trinken, mehr nicht.

» Das Ehepaar Studli sitzt im Café Stalder, wie so oft nach dem samstäglichen Einkauf, Dackel Erich zu ihren Füssen, zwei dampfende Tassen und ein Stück Fladen vor sich. Sie blicken in Richtung der Strassenkreuzung, hinüber zum Kino City.

«Gnädigste, du willst es einfach nicht wahrhaben: Das Uzwiler Zentrum verödet, die Peripherie blüht auf.

Hier schliesst Geschäft um Geschäft, und draussen, an der Gupfenstrasse, da eröffnen Aldi, Lidl, Dosenbach-Sport, Takko-Fashion und wie sie alle heissen.» Cornelia Studli runzelt ihre Stirn, lässt ihren Mann aber gewähren. Genüsslich führt sie ein Stück Fladen zum Mund.

«Das ist doch ein Muster, ein fataler Mechanismus, und du findest dafür Belege in der ganzen Welt.

Die Erosion der Innenstädte, die explodierenden Speckgürtel, das gab's in den USA, in Chicago, in Detroit. Dort sind mit den Wohlhabenden und dem Mittelstand die ganzen Geschäfte aus dem Zentrum abgewandert. Und bei uns …» – «Fritz Studli, die Grossstadt Uzwil liegt zufällig nicht in den USA», unterbricht Cornelia Studli die Suada ihres Mannes, «Fritz, was ist es wirklich, das dich so aufregt? Warum flüchtest du in Theorien, in Thesen aus der Literatur?»

Studli seufzt; sein Blick wird leer. «Weisst du noch, Cornelia, wie wir uns früher in der Molkerei Beck die Milch in unser Kännli haben abfüllen lassen? Weisst du noch, wie wir im Kaufhaus Schmid stundenlang nach Spielsachen für unsere Göttikinder gesucht haben? Das Kaufhaus Schmid! Es war eine wunderbare Welt für sich, ein Kaufhaus im besten Sinne, jenseits moderner Warenpräsentation, sinnlich vollgestopft, allein die Abteilung mit den Plastikbausätzen … Oder das Schuhhaus Central, wo die Auswahl klein, aber die Herzlichkeit gross war.

Und dann konnte man gleich rüber in den Schweizerhof, wo diese wunderbare alte Jukebox stand, wo die ersten Rockkonzerte stattfanden und die Stange achtzig Rappen kostete. Und heute, und heute, da – ach, ich weiss nicht.»

Cornelia Studli schmunzelt. «Und heute schwelgt ein alter Mann in Erinnerungen, wünscht sich eine Lädeli- und Gewerbestruktur zurück, die heute keine Überlebenschance hätte.» Fritz Studli schweigt. Seine Frau blickt ihn milde an. «Aber du hast recht, Fritz, öde ist es schon heute, hier im Zentrum.

Eigentlich schade, dass es sich beim Zeitungsbeitrag über eine Markthalle hinter der Dachdeckerschule nur um einen Aprilscherz gehandelt hat.»

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert regelmässig das Lokalgeschehen.

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