Fritz Studli

Studli mag keine Marschmusik Genervt knallt Studli die Terrassentür zu. Nach einem langen, aufreibenden Tag hat er sich heute besonders auf seinen wohlverdienten Feierabend gefreut.

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Studli mag keine Marschmusik

Genervt knallt Studli die Terrassentür zu. Nach einem langen, aufreibenden Tag hat er sich heute besonders auf seinen wohlverdienten Feierabend gefreut. Hat sich von seiner Cornelia einen Käseteller richten lassen, einen feinen Waadtländer Weissen geöffnet und sich genügend Lesestoff unter den Arm geklemmt, um diesen letzten Maiabend im Wintergarten zu geniessen.

Freilich arbeitet Studli schon lange nicht mehr auf der Redaktion, doch einen friedlichen Feierabend weiss er noch immer zu schätzen und auszukosten. Sogar Dackel Erich hat sich mit einem Grunzen zu seinen Füssen niedergelassen.

Doch mit diesem Frieden ist es jetzt, nach 20 Uhr, zu Ende: Dumpf tönen von Oberuzwil die ersten Schläge einer Pauke herunter. Was folgt, ist Marschmusik in ihrem ganzen penetranten, aufgesetzten Enthusiasmus. Das erinnert Studli an seine Zeit im Militär.

An Defilées, wo Panzer, Kanonen an Obristen und Eichenlaubträgern vorbeizogen und dazu der Fahnenmarsch erklang. Eintönig, immer wiederkehrend. Und Studli – als Wehrmann ohnehin eine Fehlbesetzung – hatte stundenlang mit Helm und Gewehr stramm in Reih und Glied zu stehen. Reminiszenzen, die er verdrängt hat und die nun wieder hochkommen.

Früher mochte solche Art von Musik in der Volksunterhaltung zwar ihren Platz gehabt haben, aber heute? Es mag ja noch angehen, wenn man sich diesen Klängen freiwillig in geschlossenen Räumen hingibt. Aber er empfindet es als pure Belästigung, an einem Abend eine Stunde lang dieser Musik ungefragt ausgesetzt zu sein. In einem Wohngebiet notabene. Dabei geht es lediglich um die Vorbereitungen zum kantonalen Musikfest, wie er der Presse entnommen hat. Und nein, das ist keine Premiere.

Sicher schon zum dritten Mal probt wer weiss welche Musikgesellschaft dort hinter dem Damm, der Uzwil von Oberuzwil säuberlich trennt, um dann an diesem Wochenende im Wettstreit mit anderen Musikvereinen im Gleichschritt zu marschieren.

Dass seine Cornelia ihm leise tadelnd vorwirft, dass er sich jetzt wieder in etwas hineingesteigert hat, rettet Studlis Abend auch nicht mehr. Frustriert sucht er im TV-Programm nach einer Ablenkung, die er genügend laut wird aufdrehen können.

Leider ist der Eurovisions Song Contest mit den vielen attraktiven Sängerinnen aus dem östlichen Europa schon passé. Und den Musikantenstadl mit sogenannter «Volksmusik» empfindet er ohnehin als Zumutung. Also nichts wie eine CD mit fetzigem Rock in die Musikanlage eingelegt: «The Who – live in Leeds.»

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert regelmässig das Lokalgeschehen.

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