Fritz Studli

Studli fährt Ortsbus In aller Herrgottsfrühe ist Studli – ansonsten Nachtmensch durch und durch – aus den Federn gekrochen. Peinlichst darauf bedacht, seine Gattin nicht aus ihren Träumen zu reissen. Er will die erste Fahrt des Ortsbusses miterleben.

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Studli fährt Ortsbus

In aller Herrgottsfrühe ist Studli – ansonsten Nachtmensch durch und durch – aus den Federn gekrochen. Peinlichst darauf bedacht, seine Gattin nicht aus ihren Träumen zu reissen. Er will die erste Fahrt des Ortsbusses miterleben. Und begibt sich mit seinem freudig schwanzwedelnden Dackel Erich aus dem Haus. Menschenleer ist die Marktstrasse; der Schnee hat einen leichten Teppich über die Landschaft gelegt. Lediglich der Zeitungsverträger ist unterwegs. Tag für Tag bei Wind und Wetter darum bemüht, dass Abonnenten ihre Zeitung frühmorgens im Briefkasten vorfinden. Chapeau!

Die ersten Passagiere warten schon im untersten Zipfel Niederuzwils. Eine Gegend, die nicht zu den vornehmsten zählt. Abwasserreinigungs-, Kompogasanlage und Notschlachthaus finden sich in unmittelbarer Nähe. Ebenso ein Werkhof eines Tiefbauunternehmens, das sich längst nicht mehr in Schweizer Besitz befindet. Langsam setzt sich der Ortsbus beim Niederuzwiler Gaswerk in Bewegung. Das Lösen der Fahrkarte ist zwar noch etwas gewöhnungsbedürftig. Doch hat Studli während seiner Zeit auf der Redaktion gelernt, mit der Technik umzugehen. Und so ist es für ihn ein leichtes, dem Automaten einen Fahrschein zu entlocken.

Der Bus setzt seine Fahrt fort. Menschen grüssen sich beim Einsteigen freundlich. Studli lässt die Landschaft an sich vorüberziehen, hängt seinen Gedanken nach. Bis ihn plötzlich ein Mitpassagier hinter ihm anspricht. Es ist Arnulf Lenz. Bekannt dafür, überall Haare in der Suppe zu finden. Und so hat er unschwer festgestellt, dass Billetts teurer sind als angekündigt. «Der satte Tarifaufschlag auf den Fahrplanwechsel wurde im Prospekt nicht berücksichtigt», ärgert sich Lenz. Das hat Folgen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Lenz seinem Unmut noch in einem Leserbrief Luft machen.

Studli registriert den Stau beim Badikreisel. Und ist froh, dass die Gemeinde mal nicht in Sportanlagen, sondern in den öffentlichen Verkehr investiert hat. Bei der nächsten Haltestelle entsteigt er dem gelben Fahrzeug. Verabschiedet sich von Lenz, den Studli trotz seiner Hartnäckigkeit gut leiden mag. Dass Freud und Leid nah beisammen liegen, muss Studli gleich darauf konstatieren. Ist doch «Linde»-Wirtin Hanni nicht in der Lage, ihm ein frisches Festbier abzuzapfen. Das Fass ist leer!

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert regelmässig das Lokalgeschehen.

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