Fritz Studli

Aufstieg und Fall Fritz Studli und sein Freund Max Lütolf sitzen sich in ihrer Stammbeiz gegenüber. Sie sind an diesem Vormittag die einzigen Gäste, wie so oft, und schweigen sich an, wie so oft.

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Aufstieg und Fall

Fritz Studli und sein Freund Max Lütolf sitzen sich in ihrer Stammbeiz gegenüber. Sie sind an diesem Vormittag die einzigen Gäste, wie so oft, und schweigen sich an, wie so oft. Lustlos rührt Studli in seinem Kaffee und sieht Lütolf an, den wohl ältesten und treuesten Anhänger des Eishockey-Clubs Uzwil weit und breit.

«Hast du gelesen, Max, der EHC Uzwil ist bald schuldenfrei», sagt Studli. Max Lütolf antwortet mit einem Brummen. «Ich meine, das ist doch gut, so in die neue Saison starten zu können.» Lütolf blickt hoch: «Ja, ja.» Studli ist irritiert, dass sein Gegenüber den Gesprächsfaden nicht aufnehmen will. Sonst ist er doch gleich Feuer und Flamme, wenn das Stichwort EHC fällt.

«Fritz, ich sage dir etwas. Ich habe auch ein paar hundert Franken gegeben, damit die aus den Schulden rauskommen. Aber manchmal wäre es mir lieber, die versinken in Schulden und gehen sportlich volles Risiko. Wie damals, als sie Ende der 1980er drei Jahre in der Nationalliga B spielten. Das war ein Irrsinn, was sie zu jener Zeit gemacht haben. Die haben alle Grössen, die sie hervorgebracht haben, nach Uzwil zurückgeholt: den Marcel Niederer, den Urs Burkard, den Marcel Forster, haben für viel Geld die Kanadier Rob Plumb, Mark Taylor und Don McLaren verpflichtet – und gleich in der ersten Saison der Nati B eine Million Schulden gemacht. Eine Million, Fritz, unfassbar! Die haben das Budget gleich doppelt überzogen. Das war finanziell eine Katastrophe, an der sie bis weit in die 1990er-Jahre genagt haben…»

Studli wundert sich: «Und das willst du wieder haben, Max?» «Nein, nein, natürlich nicht», entgegnet Max Lütolf, «aber es war halt eine verrückte Zeit, weisst du, mit Höhenflügen und Tiefschlägen, mit einer unglaublichen Begeisterung, es gab Grössenwahn, der <Blick> spekulierte, ob Uzwil vielleicht sogar als nächstes in die Nati A aufsteigt – ach!»

«Max Lütolf», sagt Studli feierlich und fixiert sein Gegenüber, «Max, du bist ein unverbesserlicher Romantiker, und solche Reden aus deinem Mund, ich bin begeistert. Du willst Drama, grosses Kino, du willst das Irrationale, den Griff nach den Sternen, selbst wenn es den Untergang bedeutet. Du willst das grosse Wagnis statt die 1.-Liga-Hausmannskost, die dir dein EHC Uzwil seitdem auftischt. Du willst, dass die Unvernunft siegt über die Vernunft, Schuldenmachen statt Schuldenabbau, Hauptsache grosse Gefühle, hä? Du willst…»

«Lass gut sein, Fritz», unterbricht ihn Max Lütolf, «dein Spott ist billig, und er trifft mich nicht. Du hast nie verstanden, was es heisst, zu einem Verein zu halten. Dazu ist der Herr Redaktor a.D. zu reserviert. Immer schön die journalistische Distanz wahren, nicht?»

Fritz Studli schweigt, dann fragt er: «Und, fährst du nächste Woche nach Frauenfeld, zum ersten Spiel?»

«Sicher», sagt Max Lütolf.

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert regelmässig das Lokalgeschehen.