Fritz Studli

Im Niedergang Eisbahncafé, am Vormittag. Fritz Studli sieht seinen Freund Max Lütolf mitleidig an. Lütolf ist traurig vor seinem Kafi Lutz eingesunken. Studli weiss: Geht es dem EHC Uzwil schlecht, geht es Max Lütolf schlecht. So war das schon immer, umgekehrt zum Glück auch.

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Im Niedergang

Eisbahncafé, am Vormittag. Fritz Studli sieht seinen Freund Max Lütolf mitleidig an. Lütolf ist traurig vor seinem Kafi Lutz eingesunken. Studli weiss: Geht es dem EHC Uzwil schlecht, geht es Max Lütolf schlecht. So war das schon immer, umgekehrt zum Glück auch. Aber das ist lange her.

«Max, nun lass den Kopf nicht hängen», hebt Studli an und versucht, seinen üblichen Spott zu unterdrücken. «Die können immer noch den Ligaerhalt schaffen. Theoretisch. Und selbst wenn …» «Ja, was dann?», fährt Lütolf dazwischen, «was ist, wenn sie absteigen, Fritz? Dann geht es doch so weiter. Dann verlängern die mit diesem Herrn Bader als Trainer erst um ein Jahr, dann wahrscheinlich gleich mit einem Fünf-Jahres-, ach, was sage ich, mit einem Zehn-Jahres-Vertrag, der dann auch für die dritte Liga gilt. Dann springen noch mehr Sponsoren ab, der Vorstand bricht auseinander, der Gönnerclub 1941 gleich mit, und die Nachwuchsabteilung dünnt noch weiter aus. Statt 274 Zuschauer wie zuletzt gegen Arosa kommen noch 24, und damit es nicht so auffällt, verteilen sie sich auf alle vier Seiten der Uzehalle …»

«Und Max Lütolf wäre sicher einer der 24», sagt Studli freundlich. «Max, Du kannst doch nicht den Trainer für alles verantwortlich machen. Der trägt doch nicht allein die Schuld an diesem Niedergang.»

Max Lütolf stöhnt auf. «Ich weiss es doch auch nicht. Aber in jedem anderen Verein fliegt doch der Trainer, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Wenn Sponsoren rebellieren. Wenn Vorstandsmitglieder und Pressesprecher verschlissen werden. Wenn der Nachwuchs davonläuft. Herrgott, Fritz, warum kettet sich denn der EHC Uzwil in Nibelungentreue an einen einzigen Mann? Warum tun die nicht, was man sonst halt tut?»

Fritz Studli ist berührt, wie sehr die ganze Geschichte seinen Freund mitnimmt. Wie oft haben sie, im Wissen, dass es ein Spiel ist, nicht schon gestritten, disputiert über das Irrationale im Sport, über die Gefühle, die er auslöst. Doch dieses Gespräch, das ist kein Spiel. «Es tut Dir weh, gell, Max?»

«Ja, Fritz. Es ist, als ob man einen Freund verliert, den man gar nicht verlieren will. Als ob man verlassen wird, als ob der Freund das Gespräch abbricht, aufsteht und geht.»

Beide schweigen. Fritz Studli ist nun endgültig gerührt. Er sieht Max an, seufzt und legt ihm die Hand auf den Arm. «Komm, Max, warst Du eigentlich in letzter Zeit mal auf dem Vogelsberg?» Max blickt hoch: «Nein, da war ich schon Jahre nicht mehr.» «Also komm, Max, wir gehen.»

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert regelmässig das Lokalgeschehen.

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