Fritz Studli
Der leise Tod der «Dorfzytig»

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert in loser Folge das Uzwiler Lokalgeschehen. Dieses Mal macht er sich Gedanken über das Ende der Henauer «Dorfzytig».

Merken
Drucken
Teilen
Die «Dorfzytig» hat ihr Erscheinen nach 45 Jahren eingestellt.

Die «Dorfzytig» hat ihr Erscheinen nach 45 Jahren eingestellt.

Bild: PD

«Was kramst Du denn da im Altpapier herum, Fritz?», fragt Cornelia Studli ihren Mann. Doch der, stumm und ohne sie weiter zu beachten, ist schon in seinem Arbeitszimmer verschwunden. Cornelia Studli zuckt mit ihren Schultern, und Fritz Studli streicht auf seinem Schreibtisch die Dezembernummer 2020 der «Dorfzytig» glatt. Es ist die letzte Ausgabe; still und leise wurde ihr Erscheinen eingestellt. War es auch diese vermaledeite Pandemie, die ihr den Todesstoss versetzt hat? Man weiss es nicht.

Auf der Titelseite hält eine verzweifelte Seniorin ihre Hände an die Stirn, die Augen geschlossen. Studlis Blick geht ins Leere, er sinniert. Anzeigenfinanzierte Gratisblätter wie die «Dorfzytig» aus Henau, die sich auch «Magazin» nennt, haben ihn sein ganzes Berufsleben lang begleitet. Als gestandener Journalist und Redaktor, der bei einer richtigen Zeitung gearbeitet hat, mit eigener, richtiger Redaktion, die grössten Wert auf die Trennung von Anzeigen und redaktionellem Inhalt legte, hat er ein gespaltenes Verhältnis zu diesen hybriden Titeln.

Nicht ohne Arroganz nannten sie früher in Studlis Redaktion die «Wiler Nachrichten» oder eben die «Dorfzytig» B-Ware, Handelsklasse II, Printprodukte minderer Güte. Denn wie durchschaubar war das oft, was in solchen Titeln als vermeintlicher Journalismus daherkam, aber sich bei näherem Besehen als publizistische Liebedienerei entpuppte für die Anzeigenkunden: «PR» – das schlimmste Schimpfwort, das echte Journalisten wie Studli überhaupt in ihrem an Schimpfwörtern reichen Repertoire hatten. Und dann gruben diese Anzeigenblätter auch noch ihren grossen, vornehmen Schwesterzeitungen das Anzeigengeschäft ab. Pfui!

Heiner Raschle mit seinen «Brennpunkten»

Also recht so, keine Träne für die «Dorfyztig», die in der Region Uzwil gratis in die Briefkästen gelangte? Hat eben der Markt auch das geregelt, in seiner eiskalten, seelenlosen Mechanik? Fritz Studli mag nicht nachtreten; er ist fast ein wenig melancholisch. Seine Erinnerungen führen ihn in Zeiten zurück, als es noch eine bunt gestalte, ausdifferenzierte Zeitungslandschaft gab im Regionalen und Lokalen. Und klar, die «Dorfzytig» war in den 44 Jahren ihres Bestehens immer eine One-Man-Show, erst ihres Gründers und langjährigen Alleinherausgebers und Chefredaktors Heiner Raschle, der in Niederuzwil seine Druckerei betrieb – dann übernahm sein Sohn Guido Raschle, Designer und Fotograf.

Mit Heiner Raschle verband Fritz Studli eine Art Männer-Kumpanei, nicht frei von Rivalität und Gereiztheit, aber man verstand sich. Studli mochte das aufbrausende Temperament und den politischen Biss seines Gegenübers. Denn Heiner Raschle scheute sich nicht, heisse Eisen anzufassen und den Behörden auch mal tüchtig an den Karren zu fahren. Falls nötig, auch mit Sonderausgaben, die er mit dem Titel «Brennpunkt» versah. Darin griff er «brennende» Themen wie umstrittene Abstimmungen oder Wahlen auf.

Der Brennpunkt Nr. 1 erschien vor jener denkwürdigen Gemeindeversammlung im November 2009, als es um den Standortentscheid des neuen Gemeindehauses, das Eisbahn-Bistro, die Ochsenplatz-Gestaltung wie auch die Erneuerung der Stettenstrasse samt Radweg ging. Und diese Gemeindeversammlung hatte es mit einer Rekordzahl an Stimmbürgern dann tatsächlich in sich. Da wurden Anträge des Gemeinderates umgestossen und solche, die dieser zur Ablehnung empfahl, im Gegenzug gutgeheissen. Ganz im Sinne der Basisdemokratie!

Selbst produziert und gerne gelesen

Mit seinem Sohn, Guido Raschle, hatte Studli hingegen kaum etwas zu tun. Aber, und das gibt Fritz Studli sich selbst nun doch zu, irgendwie hat er auch die von Raschle junior selbst herausgegebene, selbst produzierte, selbst kompilierte «Dorfyztig» in den vergangenen Jahren dann doch gern gelesen. Gewiss, das Niveau flachte ab, vieles wurde recycelt aus anderen Publikationen, manches hätte besser in eine Tages- denn in eine Monatszeitung gepasst. Aber Studli mochte die Porträts von Personen und Vereinen, besonders aber die Kolumne von Stefan Grob: Dieser erwies sich als ein seltenes Schreibtalent, wie Studli schon früh erkannt hat. Damals, in den 1980er-, 1990er-Jahren, als der junge Student noch als Korrespondent des «St.Galler Tagblatts» fungierte und dann nach Berlin emigrierte. Wie da einer, hart gegen andere, aber auch gegen sich selbst, offen und schonungslos seine Kindheit und Jugend in Uzwil in der «Dorfzytig» ausbreitete, das war grosses Kino.

Noch einmal streicht Studli über das Titelblatt des Magazins. Richtig glatt bekommt er es nicht mehr gestrichen. Dann steht er auf und bringt die Ausgabe ins Altpapier zurück. Da, wo jede Zeitung hinkommt, früher oder später.

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert in loser Folge das Uzwiler Lokalgeschehen.