Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

«Beim Kinderkriegen fängt die Benachteiligung an»: Drei Ostschweizerinnen setzen sich für Frauenrechte ein

Renata Ruggli, Mirta Sauer und Ronja Stahl gehören alle einer anderen Generation an. Eines haben sie aber gemeinsam: Sie engagieren sich für den Frauenstreiktag am nächsten Freitag. Im Interview sagen sie, weshalb.
Interview: Lara Wüest
Der letzte Frauenstreik: Am 14. Juni 1991 demonstrierten zahlreiche Frauen auf dem Münsterplatz in Basel. (Bild: key/Michael Kupferschmidt)

Der letzte Frauenstreik: Am 14. Juni 1991 demonstrierten zahlreiche Frauen auf dem Münsterplatz in Basel. (Bild: key/Michael Kupferschmidt)

Drei Wilerinnen haben sich kürzlich im Restaurant Barcelona zu einem Gespräch über Gleichstellung und Frauenförderung getroffen. Sie alle setzen sich seit Jahren für die Rechte der Frauen ein. Die 67-jährige Renata Ruggli gehört zum Komitee, das jeweils den Wiler Tag der Frau am 8. März organisiert. Die 47-jährige ehemalige SP-Stadtparlamentarierin Mirta Sauer ist im Vorstand der SP-Frauen im Kanton St. Gallen. Und die 22-jährige Ronja Stahl ist im kantonalen Vorstand der Juso für die Frauenförderung zuständig.

Wenn man die Schweiz mit anderen Länder vergleicht, muss man da nicht sagen: Die Stellung der Frau ist hier eigentlich sehr gut. Warum braucht es einen Frauenstreik?

Ronja Stahl: Da fallen mir 100 Gründe ein ...

Mirta Sauer: Die wirklichen Gründe für den Frauenstreik beginnen für mich beim Kinderkriegen. Da fängt die Benachteiligung der Frauen an.

Inwiefern?

Sauer: Der Mutterschaftsurlaub ist viel zu kurz und die Betreuung danach schlecht geregelt. Es gibt zu wenig Krippenplätze, Tagesmütter sind teuer.

Stahl: Für mich beginnt es nicht erst mit der Familiengründung. Auch in meinem Alter gibt es viele Gründe für den Streik. Zum Beispiel die Übersexualisierung der Frau in unserer Gesellschaft. Das geschieht bereits im Teenageralter. In meinem Alter kommen sexuelle Belästigungen im Ausgang hinzu. Später spielen Themen wie unerklärliche Lohnunterschiede eine Rolle.

Kämpft die jüngere Generation der Frauen für etwas anderes als die ältere?

Renata Ruggli: Ja, sicher. Frauen früherer und zum Teil meiner Generation mussten darum kämpfen, überhaupt einen Beruf erlernen zu können. Bei vielen hiess es zu Hause: Du wirst sowieso einmal heiraten. Du brauchst keine Ausbildung.

Stahl: Aber wenn man die Forderungen des letzten Frauenstreiks anschaut, ist noch vieles gleich. Auch damals verlangten die Frauen zum Beispiel gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Renata Ruggli, Ronja Stahl und Mirta Sauer (v.l.) marschieren am Freitag, 14. Juni, an der Frauenstreikdemo in St. Gallen mit.

Renata Ruggli, Ronja Stahl und Mirta Sauer (v.l.) marschieren am Freitag, 14. Juni, an der Frauenstreikdemo in St. Gallen mit.

Es hat sich also kaum etwas geändert?

Ruggli: Doch, ein paar Dinge schon. Der Gleichstellungsartikel trat nach dem letzten Streik in Kraft, die Mutterschaftsversicherung wurde eingeführt. Und die Fristenlösung kam auch.

Sauer: Aber die Verhütung wird zum Beispiel noch immer nicht von den Krankenkassen bezahlt und die Kosten dafür bleiben oft an den Frauen hängen. Das finde ich eine Katastrophe. In diesem Punkt sind wir viel weniger weit als andere Länder.

Kann der Frauenstreik solche Dinge ändern?

Stahl: Es gibt doch diesen schönen Slogan: «Wenn Frau will, steht alles still.» Das kann man mit dem Frauenstreik gut zeigen. Für einmal bleiben die vielen unsichtbaren Arbeiten der Frauen liegen. Mit dem Streik wollen wir ein Zeichen setzen.

Sauer: Ich erhoffe mir, dass man jetzt endlich merkt, dass wir Frauen ungeduldig werden. Wir wollen endlich berücksichtigt werden.

Blicken wir nach Wil. Was müsste sich hier ändern?

Sauer: Wir kommen zum Beispiel viel langsamer voran als Zürich. Dort gibt es mehr Krippenplätze und Tagesschulen.

Zürich ist eine grössere Stadt ...

Ruggli: Trotzdem. Hier geht alles im Schneckentempo voran. Wer etwas ändern will, braucht einen langen Atem. Vielleicht hat das damit zu tun, dass Wil früher sehr bürgerlich war. Die Bürgerlichen beharrten lange auf den traditionellen Rollenbildern.

Stahl: Kürzlich war ich wieder einmal im Stadtparlament. Einmal mehr fiel mir auf, wie männlich das immer noch ist. Ich fragte mich auch: Was geschieht eigentlich mit den Kindern während der Parlamentssitzung? Es bräuchte zwingend eine Kinderbetreuung für diese Zeit.

Gibt es auch etwas, das Wil gut macht?

Stahl: Wil hat als erste Stadt im Kanton die Charta für Lohngleichheit im öffentlichen Sektor unterschrieben.

Saurer: Und es wurden sehr früh Kindertagesstätten eingeführt. Derzeit ist man zudem dabei, Tagesschulen zu überprüfen.

Wurden Sie in Ihrem Berufsalltag schon diskriminiert, weil Sie eine Frau sind?

Saurer: Als Lehrerin weniger. Aber ich kann viele Geschichten von Freundinnen erzählen.

Zum Beispiel?

Einer Bekannten wurde aufgrund ihrer Mutterschaft der Bonus gekürzt. Ich kenne auch eine Frau, die in einer Firma befördert werden sollte. Der Lohn, den man ihr bot, entsprach jedoch nicht ihrer Funktion. Er war sogar noch tiefer, als derjenige von Kollegen, die unter ihr standen. Als die Frau mehr Lohn forderte, bekam sie die Stelle nicht. Es ist einfach nicht gut so, wie es läuft.

Was müsste anders laufen?

Ruggli: Ungefähr jede siebte Frau verliert ihren Job nach der Mutterschaft, weil sie nicht mehr 100 Prozent weiterarbeiten kann. Das ist doch verrückt. Es bräuchte mehr Förderstellen und Jobsharing im Kader.

Sauer: Und mehr Lohntransparenz. Aber in der Schweiz hat man uns eingetrichtert, dass man nicht darüber spricht.

Stahl: Was man aus feministischer Sicht auch diskutieren sollte: Warum führen wir nicht einfach eine 25-Stunden-Woche ein? Dann bleibt mehr Zeit für alles andere. Der Kapitalismus ist für Frauenförderung schlecht. Es geht ja immer nur um Gewinne. Und mit Care-Arbeit lassen sich keine Gewinne erzielen. Es braucht einen Systemwandel für eine komplett gleichberechtigte Gesellschaft.

Ist das nicht eine utopische Forderung?

Stahl: Für mich hat Feminismus mit Utopie zu tun. Es ist der Kampf für eine Welt, wie sie sein sollte. Der Kampf für Gleichberechtigung und für ein besseres Leben für alle.

Am Freitag gehen Sie zusammen mit anderen Frauen aus Wil nach St. Gallen an die Demo. Haben Sie noch weitere Aktionen geplant?

Ruggli: Gestern am Morgen verteilten wir Flyer am Bahnhof in Wil. Heute Abend werden wir auf dem Hofberg ein Höhenfeuer entzünden, um ein Frauen-Feuer-Zeichen zu setzten.

Hinweis: Höhenfeuer: 20 Uhr auf dem Hofberg beim Föhrenwäldli. Alle sind willkommen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.