Degersheim
«Gebaut wird erst, wenn das nötige Geld in der Kasse liegt»: Solargenossenschaft sucht zeichnungswillige Mitglieder

Die Solargenossenschaft Degersheim ist gegründet, der Standort für die erste Fotovoltaikanlage festgelegt. Jetzt werden Mitglieder gesucht, die Anteilscheine zeichnen. Der Kapitalbedarf: 146'000 Franken.

Andrea Häusler
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Gemeinde und Genossenschaft sind sich einig: Hier soll die erste Genossenschafts-Fotovoltaikanlage entstehen.

Gemeinde und Genossenschaft sind sich einig: Hier soll die erste Genossenschafts-Fotovoltaikanlage entstehen.

Bild: Fin Mock

Das Dach des Oberstufenzentrums soll künftig nicht mehr nur Schutz vor Niederschlag bieten, sondern auch Energie liefern. Geht es nach der Projektgruppe und dem Vorstand der eben gegründeten Solargenossenschaft Degersheim, wird hier schon ab Frühjahr 2022 umweltfreundlicher Strom produziert. Die Planung rechnet mit einer Ausbeute von rund 120000 Kilowattstunden pro Jahr, was einem Verbrauch von 25 bis 30 Einfamilienhäusern entspricht. Dies bei einer Kollektorenfläche von rund 600 Quadratmetern.

Die Zahlen sind verlässlich, sagt Heinz Bleiker, Mitglied des Projektteams, und beruft sich auf Erfahrungen aus dem Betrieb der vergleichbaren Anlage des benachbarten Ökodorfs «Herzfeld Sennrüti». Rund 175000 Franken kostet die Photovoltaik-Anlage. Wovon der Bund etwa 30000 Franken als einmalige Einspeisevergütung übernimmt. Der Restbetrag soll über die Zeichnung von Genossenschafts-Anteilscheinen finanziert werden.

Verzinsung zu mindestens einem Prozent

«Mit 1000 Franken sind Sie dabei», warb Bleiker an der Vorversammlung zur Degersheimer Bürgerversammlung. Soviel kostet ein Anteilschein. Und was hat der Genossenschafter, beziehungsweise die Genossenschafterin von seinem oder eben ihrem Investment? Um es vorweg zu nehmen: Die Beteiligung ermöglicht es Liegenschaftsbesitzern nicht, den produzierten Strom für sich zu nutzen.

Die Genossenschaft bewirtschaftet die Anlage, verkauft den Strom und setzt den Ertrag für den Unterhalt, die Verzinsung der Genossenschaftsanteile, die Dachnutzung und Amortisation ein. Wer in einen Anteilschein investiert, hilft den Sonnenstrom zu fördern und erhält für sein Geld mehr Zins, als wenn es auf einem Bankkonto läge. Der Businessplan gehe, ab Produktionsbeginn, von einer Verzinsung zu mindestens einem Prozent aus, sagt Heinz Bleiker. Und wenn der Genossenschafter/die Genossenschafterin das Geld wieder möchte?

«Dann kann es bezogen werden.»

Von der Idee zum geeigneten Standort

Mittels Fotovoltaikanlagen Strom zu produzieren ist im Trend (siehe Plan). Viele Hausbesitzende überlegen sich eine Anlage auf ihr Dach zu bauen. Das war ursprünglich auch die Idee von Rico Maag, dem Initianten der Solargenossenschaft Degersheim. Er ist davon abgekommen – auch aus ökonomischen Überlegungen.

Denn Solarstrom wird im Idealfall direkt vor Ort und sofort gebraucht. Da sich Verbrauchs- und Produktionszahlen selten gleichen, muss in einem Einfamilienhaus der grösste Teil des Stromes ins Netz eingespeist werden – für relativ kleines Geld. Ausserdem löst der Bau einer eigenen Anlage erhebliche Kosten aus. Ist die Anlage klein, verschiebt sich der Preis stark zu Lasten der Planungs- und Baukosten. Das Fazit: Eine Photovoltaikanlage sollte möglichst gross sein, und der produzierte Strom vor Ort zum Produktionszeitpunkt verwendet werden.

Gebaut wird, wenn das Geld vorhanden ist

Das Dach des Oberstufenschulhauses ist von der Ausrichtung, vom Zustand und der Statik her für den Bau einer Fotovoltaikanlage geeignet. Dies haben Abklärungen ergeben. Die Gemeinde, Vermieterin des Daches, werde sich auch als Genossenschafterin engagieren, sagt Rico Maag, lässt aber offen, in welchem Umfang die Beteiligung sein wird.

Das Dach des Oberstufenschulhauses ist nicht das einzige, das sich für ein solches Projekt anböte. Auch jenes der Schul- und Mehrzweckanlage Steinegg sei angeschaut worden. Allerdings seien die Abklärungen dort noch nicht so weit gediehen, sagt Maag.

Momentan ist die Solargenossenschaft ein Neun-Personen-Team. Weitere Genossenschafterinnen und Genossenschafter werden nun gesucht. Und was, wenn das Geld nicht zusammenkommt? Allenfalls wäre auch eine kleinere Anlage auf einem anderen Dach möglich, sagt Maag. Oder es müsste eine alternative Finanzierung in Betracht gezogen werden. Vorderhand bleibt er jedoch zuversichtlich, sagt aber:

«Gebaut wird erst, wenn das nötige Geld in der Kasse liegt.»

Jonschwil nimmt dritte Fotovoltaik-Anlage in Betrieb

Erstmals Geld für die Genossenschafter

Was Degersheim bevorsteht, hat die Gemeinde Jonschwil bereits seit Jahren hinter sich. Die im Januar 2014 gegründete Solargenossenschaft Jonschwil-Schwarzenbach betreibt auf dem Oberstufenschulhaus Degenau und dem Dach des Schulhauses Sonnenrain je eine Photovoltaikanlage. Jetzt kommt eine dritte dazu. «Mit dem Bau wurde diesen Monat begonnen», sagt Gemeindepräsident Stefan Frei, der gleichzeitig den Vorstand der Solargenossenschaft präsidiert. Diese werde auf einer Fläche von 370 Quadratmetern auf dem Dach der Sulmag AG unweit des Schwarzenbacher Bahnhofs installiert und sei auf die Produktion von rund 77000 kWh Strom pro Jahr ausgerichtet.

Den Standort bezeichnet er als «Idealfall». Denn je grösser eine Anlage sei und je höher der Eigennutzungsanteil des Stroms am Ort zum Zeitpunkt der Herstellung – also tagsüber – liege, desto rentabler lasse sie sich betreiben. Im Vergleich zum betreffenden Unternehmen sei der Strombedarf eines Schulhauses eher gering, weiss Frei, betont aber: «Dennoch werfen die beiden Anlagen auf den Schulliegenschaften gute Erträge ab.» Diese sind inzwischen so hoch, dass die Anteilscheine dieses Jahr erstmals (zu einem Prozent) verzinst werden können. Nach Zuweisung an die Reserven und nach Abzug der Verzinsung weist die Genossenschaft für 2020 einen Gewinn von 5244 Franken aus.

Die Solargenossenschaft Jonschwil-Schwarzenbach umfasst 87 Mitglieder, die 185 Anteilscheine zu 2000 Franken besitzen. Seit ihrer Gründung wurden rund 700000 kWh Strom produziert. Das entspricht einer CO2-Einsparung von etwa 175 Tonnen. Oder: Es wurde Strom für den Jahresverbrauch von rund 142 Einfamilienhäusern gewonnen.(ahi)